Vor genau 104 Jahren, am 14. Juni 1920, trat in den Vereinigten Staaten ein bahnbrechendes Verbot in Kraft, das die Praxis des Verschickens von Kindern als Paket via US-Post untersagte. Dieses Verbot markierte das Ende einer bizarren, wenn auch kurzen, Episode in der amerikanischen Geschichte, die im Rückblick sowohl befremdlich als auch verständlich erscheint.
Die Geschichte beginnt im Jahr 1913, als die US-Post erstmals Pakete bis zu einem Gewicht von 50 Pfund (ca. 23 kg) erlaubte. Diese neue Regelung führte zu einem unerwarteten Phänomen: Einige Eltern begannen, ihre Kinder durch die Post zu verschicken. Der erste dokumentierte Fall ereignete sich im Januar 1913, als Mr. und Mrs. Jesse Beagle ihren acht Monate alten Sohn, James, per Paketpost von ihrem Heim in Glen Este, Ohio, zu den Großeltern in Batavia, Ohio, schickten. Die Strecke betrug lediglich ein paar Meilen, und die Eltern zahlten 15 Cent Porto plus eine Versicherung von 50 Dollar.
In den folgenden Jahren kam es zu mehreren ähnlichen Vorfällen. Der vielleicht berühmteste Fall betraf die fünfjährige May Pierstorff, die im Februar 1914 per Post von Grangeville, Idaho, zu ihren Großeltern in Lewiston, Idaho, geschickt wurde. Der Grund für diese außergewöhnliche Entscheidung lag häufig in den deutlich niedrigeren Kosten im Vergleich zu einem regulären Zugticket.
Warum kamen Eltern überhaupt auf die Idee, ihre Kinder per Post zu verschicken? Die Antwort liegt in der Kombination aus den wirtschaftlichen Zwängen der Zeit und den neuen Möglichkeiten, die das Paketsystem bot. Die Zeit vor und während des Ersten Weltkriegs war geprägt von wirtschaftlichen Unsicherheiten, und jede Möglichkeit zur Kostensenkung wurde genutzt. Die niedrigen Portokosten machten das Verschicken von Kindern als „Paket“ attraktiv, insbesondere für Familien in ländlichen Gebieten, die sich die hohen Reisekosten oft nicht leisten konnten.
Diese Praxis stieß jedoch schnell auf Kritik und Missbilligung. Viele Bürger und Regierungsvertreter waren schockiert über die Idee, Kinder wie einfache Waren zu behandeln. Es wurde als unverantwortlich und gefährlich angesehen, Kinder auf diese Weise zu transportieren, da sie potentiellen Risiken und Misshandlungen ausgesetzt waren. Trotz der scheinbaren Fürsorglichkeit der Postboten, die Kinder meist persönlich begleiteten, war dies kein sicherer oder angemessener Transportweg für Minderjährige.
Aufgrund des wachsenden Drucks der Öffentlichkeit und der Medien sah sich die US-Post gezwungen, zu handeln. Am 14. Juni 1920 trat schließlich das offizielle Verbot in Kraft, das den Versand von Kindern per Post untersagte. Diese Entscheidung wurde allgemein begrüßt und als notwendig erachtet, um die Sicherheit und das Wohl der Kinder zu gewährleisten.
Das Verbot markierte das Ende einer kuriosen Episode in der Geschichte der US-Post. Es unterstrich die Notwendigkeit klarer Regelungen zum Schutz von Kindern und führte zu einer stärkeren Bewusstseinsbildung hinsichtlich ihrer Sicherheit.

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