Heute vor 298 Jahren, am 28. Oktober 1726, erschien ein Buch, das die Welt der Literatur verändern sollte: Gullivers Reisen von Jonathan Swift. Der satirische Roman, der in vier Teilen die abenteuerlichen Reisen des Schiffsarztes Lemuel Gulliver in fremde Länder schildert, wurde sofort zu einem Bestseller und löste heftige Debatten aus.
Swift, der als anglikanischer Priester und Politiker in Irland lebte, nutzte seine Erzählung, um seine Verbitterung über zeitgenössische Missstände und seine Auffassung von der Relativität der menschlichen Werte zum Ausdruck zu bringen. Er sparte nicht an Kritik an der englischen Regierung, der Kirche, der Wissenschaft und der Gesellschaft im Allgemeinen. Dabei bediente er sich einer Vielzahl von literarischen Mitteln, wie Ironie, Parodie, Allegorie und Utopie.
Der erste Teil des Romans beschreibt Gullivers Reise nach Liliput, einem Land, in dem die Bewohner nur sechs Zoll groß sind. Dort gerät er in die politischen Intrigen zwischen den beiden rivalisierenden Parteien, die sich über die richtige Art, ein Ei aufzuschlagen, streiten. Swift macht sich hier über den englischen Thronfolgestreit lustig, der zu seiner Zeit das Land spaltete.
Der zweite Teil führt Gulliver nach Brobdingnag, einem Land der Riesen, wo er als Zwerg behandelt wird. Dort erfährt er die Schattenseiten des Lebens im Überfluss und wird mit der Grausamkeit und Hässlichkeit der Menschen konfrontiert. Swift zeigt hier die Grenzen des menschlichen Stolzes und der Zivilisation auf.
Der dritte Teil berichtet von Gullivers Reise nach Laputa, einer schwebenden Insel voller exzentrischer Wissenschaftler und Philosophen, die sich mit abstrusen Theorien beschäftigen, aber keine praktischen Probleme lösen können. Swift kritisiert hier den Missbrauch der Vernunft und der Wissenschaft, die zu seiner Zeit einen großen Aufschwung erlebten.
Der vierte und letzte Teil erzählt von Gullivers Reise in das Land der Houyhnhnms, einer Rasse von intelligenten Pferden, die in Harmonie mit der Natur leben. Dort trifft er auch auf die Yahoos, eine Art von wilden Menschen, die sich wie Tiere benehmen. Swift stellt hier einen radikalen Kontrast zwischen den idealen Houyhnhnms und den verkommenen Yahoos her, um die menschliche Natur in Frage zu stellen.
Gullivers Reisen ist ein Meisterwerk der englischen Literatur, das bis heute nichts von seiner Aktualität und seinem Reiz verloren hat. Es ist sowohl eine spannende Abenteuergeschichte als auch eine scharfe Gesellschaftskritik, die den Leser zum Nachdenken und zum Lachen anregt. Es ist kein Wunder, dass das Buch seit seiner Erstveröffentlichung unzählige Male neu aufgelegt, übersetzt, bearbeitet und verfilmt wurde.
