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26. Mai 2025 – National Sorry Day

Am 26. Mai begeht Australien jedes Jahr den National Sorry Day – einen Gedenktag, der sich mit einem der dunkelsten Kapitel in der Geschichte des Landes auseinandersetzt.

Am 26. Mai begeht Australien jedes Jahr den National Sorry Day – einen Gedenktag, der sich mit einem der dunkelsten Kapitel in der Geschichte des Landes auseinandersetzt. Er erinnert an das Unrecht, das den sogenannten Stolen Generations widerfahren ist: Aboriginal- und Torres-Strait-Islander-Kindern, die über mehrere Jahrzehnte hinweg systematisch aus ihren Familien entfernt wurden. Ziel dieser staatlich gestützten Praxis war es, die Kinder in die weiße Mehrheitsgesellschaft zu integrieren. Der damit verbundene kulturelle und emotionale Schaden wirkt bis heute nach.

Die Entführungen begannen um 1910 und dauerten in vielen Gegenden bis in die 1970er Jahre an. In dieser Zeit wurden Zehntausende indigene Kinder von ihren Eltern getrennt und in Heime oder Pflegefamilien gegeben, oft ohne jegliche Zustimmung der Angehörigen. Die Kinder verloren nicht nur ihre Familie, sondern auch den Kontakt zu Sprache, Kultur und Tradition. Vielen wurde eingeredet, ihre Herkunft sei minderwertig oder beschämend. In vielen Fällen kam es in staatlicher Obhut zudem zu Misshandlungen, Vernachlässigung und emotionaler Entwurzelung.

1997 legte ein nationaler Bericht mit dem Titel Bringing Them Home die ganze Tragweite dieser Politik offen. Er beruhte auf den Berichten von Betroffenen und dokumentierte sowohl die juristischen Grundlagen als auch die menschlichen Folgen der Zwangsentfernungen. Der Bericht sprach von schweren Menschenrechtsverletzungen und formulierte zahlreiche Empfehlungen zur Aufarbeitung. Er empfahl nicht nur eine offizielle Entschuldigung, sondern auch Maßnahmen zur finanziellen Entschädigung, psychologischen Unterstützung und Anerkennung des Leids.

Ein Jahr später wurde erstmals der National Sorry Day begangen. Seither dient dieser Tag als Mahnung und Aufforderung zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Im Jahr 2008 sprach Premierminister Kevin Rudd im Parlament eine offizielle Entschuldigung an die Stolen Generations aus. Diese Ansprache, live im Fernsehen übertragen, war ein symbolisch bedeutender Akt, der von vielen Betroffenen als längst überfälliger Schritt begrüßt wurde. Sie markierte eine Zäsur im kollektiven Bewusstsein des Landes, reichte jedoch nicht aus, um das Unrecht wiedergutzumachen.

Denn auch Jahre nach der offiziellen Entschuldigung bestehen strukturelle Ungleichheiten fort. Noch immer sind indigene Kinder überproportional von staatlichen Eingriffen betroffen. Noch immer klaffen Lücken in der Gesundheitsversorgung, im Bildungswesen und im Zugang zur Justiz. Noch immer warten viele Familien auf Anerkennung und konkrete Unterstützung. Eine Untersuchung der Healing Foundation zeigte, dass nur ein Bruchteil der Empfehlungen des Bringing Them Home-Berichts umgesetzt wurde. Der National Sorry Day bleibt daher nicht nur ein Tag des Gedenkens, sondern auch ein Tag des politischen Mahnens.

In gewisser Weise bildet der 26. Mai den Auftakt zur National Reconciliation Week, die jedes Jahr vom 27. Mai bis zum 3. Juni stattfindet. Diese Woche widmet sich dem Ziel, die Beziehungen zwischen indigenen und nicht-indigenen Australiern zu stärken. Sie ruft zur Reflexion auf, lädt zum Dialog ein und erinnert daran, dass Versöhnung mehr ist als ein symbolischer Akt. Sie erfordert Gerechtigkeit, Beteiligung und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Der National Sorry Day macht deutlich, wie wichtig Erinnerungskultur in einer demokratischen Gesellschaft ist. Er schafft Raum für die Stimmen derer, die lange zum Schweigen gebracht wurden. Er fordert Ehrlichkeit im Umgang mit der eigenen Geschichte. Und er bietet die Chance, durch Anerkennung des Leids neue Wege der Verständigung zu beschreiten – nicht als Abschluss eines Kapitels, sondern als fortwährende Aufgabe.

Bildquellen auf dieser Seite:

  • Kemeny-Kurtz-TrueBasic Gemeinfrei: Gemeinfrei | Gemeinfrei

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