Am 12. Juni wird in mehreren Ländern der sogenannte Tag des vollen Elternhauses (Crowded Nest Awareness Day) begangen. Der Aktionstag lenkt die Aufmerksamkeit auf ein stilles, aber zunehmend verbreitetes Phänomen: Wenn erwachsene Kinder, oft mit Partnern, manchmal auch mit eigenen Kindern, (wieder) im Elternhaus leben und die vertraute Wohnform des Einfamilienlebens dauerhaft auf die Probe gestellt wird.
Was früher als Ausnahme galt, ist heute für viele Realität: Junge Erwachsene bleiben länger bei den Eltern wohnen oder kehren nach Studienabbrüchen, Trennungen oder aus finanzieller Not zurück. Hinzu kommen steigende Mieten, unsichere Arbeitsverhältnisse und Wohnraummangel – insbesondere in Städten. Die Folge: Das Elternhaus bleibt nicht nur länger bewohnt, sondern wird zum multigenerationellen Raum auf Zeit oder Dauer.
Laut Statistischem Bundesamt lebten 2023 noch rund 40 % der Männer zwischen 25 und 29 Jahren bei den Eltern – bei den Frauen waren es etwa 25 %. In den USA war der Anteil junger Erwachsener im Elternhaus im Jahr 2020 laut Pew Research Center so hoch wie seit 80 Jahren nicht mehr.
Der Tag des vollen Elternhauses will weder Familienformen idealisieren noch problematisieren, sondern sensibilisieren. Denn so sehr das gemeinsame Wohnen soziale Sicherheit bieten kann, so sehr birgt es auch Konfliktpotenzial: mangelnde Privatsphäre, unterschiedliche Tagesrhythmen, Rollenverteilungen aus der Kindheit, die nicht verschwinden. Eltern geraten in eine Art „Dauerbetreuung“, junge Erwachsene fühlen sich gehemmt oder nicht ernst genommen.
Ziel des Aktionstags ist es, das Thema aus der Tabuzone zu holen – durch Medienberichte, Beratungsangebote, Erfahrungsberichte und Informationskampagnen. Der Tag lädt ein, über Erwartungen, Grenzen, Rollen und Lösungen offen zu sprechen. Vor allem aber macht er deutlich: Die Rückkehr ins Elternhaus ist kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck struktureller Probleme: Vom Mietmarkt über Studienabbrüche bis hin zu unzureichender sozialer Absicherung junger Menschen.
Der Tag des vollen Elternhauses ist damit mehr als nur ein Familienanlass, er fordert politische und gesellschaftliche Aufmerksamkeit für Fragen des Wohnens, der Generationengerechtigkeit und des sozialen Zusammenhalts. Denn ein „volles Nest“ ist oft nicht gewollt, sondern notwendig – und verdient Respekt, Verständnis und Unterstützung.
Bild: Werner Niedermeier | Werner NiedermeierBildquellen auf dieser Seite:
- Tag des vollen Elternhauses KI wn: Werner Niedermeier | Werner Niedermeier