Was heute als eines der größten und beliebtesten Straßenfeste in Deutschland gilt, begann im Jahr 1977 mit einer eher bescheidenen Idee: Die Stadt Wiesbaden feierte die Wiedereröffnung des Hessischen Staatstheaters nach aufwendiger Sanierung. Aus diesem Anlass wurde ein Fest ins Leben gerufen, das unter dem Namen Theatrium firmierte – eine Wortschöpfung, die „Theater“ und das lateinische „Atrium“ (Freifläche) verbindet. Ziel war es, Kunst und Kultur aus dem Gebäude auf die Straße zu holen – auf die prächtige Wilhelmstraße, im Volksmund liebevoll „Rue“ genannt.
Bereits beim ersten Fest mischten sich Theateraktionen mit kulinarischen Angeboten: Es gab Bier, Bratwürste, Musik, sowie eine Versteigerung alter Requisiten. Der Auftakt war bescheiden, doch die Idee überzeugte – und das Fest wuchs in den folgenden Jahren rasant. Vor allem durch das Engagement des Gastronomen und Eventmachers Hans-Peter Wodarz entwickelte sich das Theatrium in den 1980er-Jahren zu einem stadtweiten Publikumsmagneten. Die Wilhelmstraße wurde für den Verkehr gesperrt, Bühnen aufgebaut, Gastronomen, Künstler und Handwerker strömten hinzu.
In den 1990er- und 2000er-Jahren etablierte sich das Wilhelmstraßenfest endgültig als Großveranstaltung: Mit sieben Bühnen, Fahrgeschäften, Live-Musik und über 130 Kunsthandwerksständen wurde es zu einem Sommer-Highlight im Veranstaltungskalender der Region. 2011 folgte eine erste Erweiterung: Der Freitag nach Christi Himmelfahrt wurde erstmals offiziell ins Festprogramm integriert.
In den letzten Jahren hat sich das Theatrium weiterentwickelt und geöffnet – sowohl thematisch als auch organisatorisch. Im Jahr 2024 feierte Wiesbaden drei volle Tage lang: Freitag bis Sonntag wurde das 45. Wilhelmstraßenfest mit mehr als 200 000 Besuchern begangen. 2025 rechnete man sogar mit rund 250 000 Gästen. Über 240 Stände säumten die Wilhelmstraße – davon rund 170 mit kulinarischem Angebot und etwa 70 mit Kunsthandwerk. Neue Schwerpunkte waren landestypische Themeninseln wie Ciao Italia oder Savoir Vivre, die mediterranes Flair auf die „Rue“ brachten.
Das heutige Wilhelmstraßenfest ist ein Fest für alle Sinne. Es vereint kulturelle und kulinarische Vielfalt mit Unterhaltung und Gemeinschaftsgefühl. Auf sieben Bühnen treten lokale und internationale Musiker auf, DJs sorgen abends für Partystimmung, Walking Acts und Kinderspiele machen das Fest familienfreundlich. Für die Sicherheit sorgen zahlreiche Einsatzkräfte, auch Awareness-Teams und mobile Jugendarbeit sind präsent. In Teilen des Geländes, etwa rund um den Warmen Damm, gilt ein Alkoholverbot.
Was 1977 als lokal-kultureller Impuls begann, ist heute das größte Straßenfest Hessens und eines der bekanntesten in Deutschland. Das Wilhelmstraßenfest – oder ganz offiziell: das Theatrium – ist nicht nur eine traditionsreiche Veranstaltung, sondern ein lebendiges Zeichen dafür, wie aus einer Idee ein städtisches Ereignis von nationaler Bedeutung werden kann. Wer Wiesbaden an diesen Tagen besucht, erlebt die „Rue“ in voller Blüte – als Bühne, Markt, Festplatz und Treffpunkt für Menschen aller Generationen.
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