Am 25. Januar 1077 traf der römisch-deutsche König Heinrich IV. auf der Burg Canossa in Norditalien ein, um von Papst Gregor VII. die Aufhebung des Kirchenbanns zu erbitten. Dieser Bußgang war ein Höhepunkt des Investiturstreits, eines Konflikts zwischen dem Königtum und dem Papsttum um die Ernennung von Bischöfen und die Rolle der Reichskirche.
Heinrich IV. war im Februar 1076 von Gregor VII. exkommuniziert worden, nachdem er den Papst für abgesetzt erklärt hatte. Dies geschah im Zuge einer Auseinandersetzung um den Mailänder Bischofsstuhl, der von zwei rivalisierenden Kandidaten beansprucht wurde. Die Exkommunikation machte den König handlungsunfähig, da er von seinen Untertanen nicht mehr als rechtmäßiger Herrscher anerkannt wurde. Viele seiner Fürsten fielen von ihm ab und drohten, einen neuen König zu wählen, wenn er sich nicht bis Februar 1077 von dem Bann befreien würde.
Um seine Macht zu retten, entschied sich Heinrich IV. für einen außergewöhnlichen Schritt: Er machte sich im Dezember 1076 auf den Weg nach Italien, um den Papst persönlich um Vergebung zu bitten. Dies war eine gefährliche Reise, da er durch feindliches Gebiet und über die Alpen gehen musste. Er erreichte die Burg Canossa, wo sich Gregor VII. als Gast der Markgräfin Mathilde von Tuszien aufhielt, am 25. Januar 1077. Dort soll er drei Tage lang in Büßerkleidung vor den Toren der Burg ausgeharrt haben, bis ihm der Papst schließlich Einlass und Absolution gewährte.
Der Gang nach Canossa war ein Akt der Demut, der dem König vorübergehend seine Position sicherte, aber auch sein Ansehen beschädigte. Er wurde von seinen Gegnern als Schwäche ausgelegt und von seinen Anhängern als Opfer. Der Investiturstreit war damit jedoch nicht beigelegt, sondern flammte in den folgenden Jahren wieder auf. Heinrich IV. wurde erneut exkommuniziert, zog gegen den Papst zu Felde und setzte einen Gegenpapst ein. Erst 1122 wurde der Konflikt mit dem Wormser Konkordat beigelegt, das einen Kompromiss zwischen den beiden Parteien fand.
Der Gang nach Canossa ist bis heute ein Symbol für einen erniedrigenden Bittgang, der oft im übertragenen Sinn verwendet wird. Er zeigt, wie weit ein Machthaber bereit ist zu gehen, um seine Herrschaft zu bewahren, aber auch, wie stark der Einfluss der Kirche im Mittelalter war. Er ist ein Schlüsselereignis der deutschen und europäischen Geschichte, das die Beziehungen zwischen weltlicher und geistlicher Macht prägte.

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