Der Fette Donnerstag ist ein traditionsreicher Brauchtag in Polen und einigen anderen mitteleuropäischen Regionen. Er fällt auf den Donnerstag vor Aschermittwoch und markiert den Beginn der letzten Woche vor der österlichen Fastenzeit. Im polnischen Sprachraum trägt der Tag den Namen Tłusty Czwartek und gehört dort zu den beliebtesten und umsatzstärksten Tagen des Jahres für Bäckereien und Konditoreien.
Seine Wurzeln reichen bis in vorchristliche Zeiten zurück. Bereits in heidnischen Winteraustreibungsritualen spielte üppiges Essen eine Rolle. Mit der Christianisierung Europas erhielt der Tag eine neue Einordnung im kirchlichen Kalender. Er wurde zum Auftakt der letzten ausgelassenen Tage vor Beginn der Fastenzeit, die mit dem Aschermittwoch beginnt und traditionell von Verzicht geprägt ist. Der Gedanke dahinter war einfach und zugleich symbolisch aufgeladen. Bevor eine Phase der Enthaltsamkeit einsetzt, darf noch einmal reichlich gegessen werden.
Im Mittelpunkt stehen in Polen vor allem Pączki, das sind in Fett ausgebackene Hefeteigkugeln mit Füllung, die häufig aus Rosenmarmelade, Pflaumenmus oder Vanillecreme besteht. Auch Faworki, knusprige Teigstreifen, die in heißem Fett frittiert und mit Puderzucker bestäubt werden, sind typisch für diesen Tag. Die Tradition ist so lebendig, dass jedes Jahr mehrere hundert Millionen dieser Gebäcke verkauft werden. Medien berichten regelmäßig über lange Schlangen vor bekannten Konditoreien in Städten wie Warschau oder Krakau. Für viele Polen gehört es beinahe zum guten Ton, an diesem Tag mindestens einen Pączek zu essen. Eine verbreitete Redensart besagt, dass jemand, der am Fetten Donnerstag kein solches Gebäck verzehrt, im kommenden Jahr kein Glück haben werde.
Auch außerhalb Polens ist der Fette Donnerstag bekannt. In Litauen wird ein ähnlicher Tag gefeiert, während in Deutschland die kulinarischen Bräuche stärker mit dem Rosenmontag oder dem Faschingsdienstag verbunden sind. In Polen hingegen steht eindeutig das Essen im Vordergrund, weniger das Verkleiden oder das närrische Treiben. Der Tag hat sich im 20. und 21. Jahrhundert zudem zu einem wirtschaftlichen Faktor entwickelt. Große Bäckereiketten planen ihre Produktion Wochen im Voraus, Supermärkte erweitern ihr Sortiment, und soziale Medien greifen das Thema mit Fotos und Vergleichen der besten Pączki der Saison auf.
Der Fette Donnerstag verbindet damit religiöse Tradition, kulturelle Identität und modernen Konsum. Er ist ein Beispiel dafür, wie sich alte Bräuche über Jahrhunderte hinweg erhalten und zugleich an neue gesellschaftliche Rahmenbedingungen anpassen können. Für viele Menschen ist er ein Moment bewusster Ausgelassenheit vor der Fastenzeit und zugleich ein fester Bestandteil des Jahreslaufs.

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