Am 23. Februar 1947 nahm die Internationale Organisation für Normung, kurz ISO, offiziell ihre Arbeit auf. Der Zeitpunkt war kein Zufall: Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs der Druck, technische Regeln und Begriffe wieder international anschlussfähig zu machen, damit Handel, Wiederaufbau und industrielle Zusammenarbeit nicht an widersprüchlichen Spezifikationen scheiterten.
In London trafen sich im Oktober 1946 Delegierte aus 25 Ländern; insgesamt waren es 65 Teilnehmer. Sie einigten sich darauf, eine neue, weltweit angelegte Normungsorganisation zu gründen. Diese neue Struktur knüpfte an Vorläufer an, vor allem an die International Federation of the National Standardizing Associations, die während des Krieges ihre Arbeit einstellen musste, sowie an ein im Umfeld der Vereinten Nationen entstandenes Koordinierungsgremium. Aus der Zusammenführung dieser Linien entstand die ISO als unabhängige, nichtstaatliche Organisation.
Der Kernauftrag der ISO lässt sich schlicht beschreiben: Sie erarbeitet internationale Normen, die von Experten aus den Mitgliedsländern im Konsens entwickelt und anschließend von den nationalen Normungsinstituten übernommen werden. Dabei geht es nicht um Gesetze, sondern um gemeinsam akzeptierte Regeln, Definitionen, Prüfverfahren und Schnittstellen. Normen sollen Vergleichbarkeit schaffen, Sicherheit erhöhen, Qualität messbar machen und die Zusammenarbeit über Grenzen hinweg erleichtern. Mitglied der ISO sind die nationalen Normungsorganisationen; in Deutschland übernimmt diese Rolle vor allem das DIN. Diese Konstruktion erklärt, warum ISO Normen in der Wirtschaft oft wie eine gemeinsame Sprache funktionieren, ohne dass eine Regierung sie zentral verordnen müsste.
Die Auswirkungen dieser Idee sind heute alltäglich, auch wenn man sie selten bewusst wahrnimmt. Normen legen fest, wie bestimmte Maße, Begriffe oder Prüfmethoden international verstanden werden. Sie sorgen dafür, dass Bauteile, Datenformate oder Managementprozesse aneinander anschließen, statt sich gegenseitig zu blockieren. Besonders sichtbar wird das bei Normen, die als Markenzeichen in Organisationen auftauchen, etwa im Qualitätsmanagement oder im Informationssicherheitsmanagement. Solche Normen schaffen nicht automatisch gute Produkte oder sichere IT, aber sie definieren nachvollziehbare Anforderungen und machen Prozesse prüfbar; für Lieferketten, Ausschreibungen und internationale Partnerschaften ist das oft entscheidend. Hinter dem Etikett ISO steckt damit weniger ein Siegel als ein Regelwerk, das Vergleichbarkeit herstellt und Vertrauen technisch und organisatorisch unterfüttert.
Wie groß dieses Normengebäude inzwischen geworden ist, zeigen die aktuellen Kennzahlen der Organisation. Für das Jahr 2024 weist ISO mehr als 25.700 internationale Normen und normähnliche Dokumente aus; allein 2025 kamen über 1.400 neue Normen hinzu. Tausende technische Gremien arbeiten kontinuierlich an neuen oder überarbeiteten Standards. Das macht deutlich, dass ISO kein statisches Regelbuch ist, sondern eine laufende Infrastruktur. Themen entstehen neu, Technik verändert sich, Begriffe werden präzisiert, Sicherheitsanforderungen verschieben sich; Normung begleitet diese Dynamik und versucht, sie in stabile, international verständliche Formen zu übersetzen.
Gleichzeitig bleibt Normung ein Spannungsfeld. ISO Normen sind in vielen Bereichen kostenpflichtig zugänglich, und nicht jeder kleine Betrieb kann sich alle relevanten Dokumente problemlos beschaffen. Außerdem braucht Konsens Zeit, gerade bei komplexen technischen Standards. Dennoch hat sich die Grundidee von 1947 als erstaunlich tragfähig erwiesen: Wenn Länder, Hersteller und Anwender sich auf gemeinsame Definitionen und Verfahren einigen, sinken Reibungsverluste, Produkte werden kompatibler, Prüfungen vergleichbarer und internationale Zusammenarbeit praktischer. Am 23. Februar 1947 wurde aus dieser Idee eine Institution, deren Wirkung bis heute in Werkhallen, Laboren, Behörden und Büros spürbar ist, oft unbemerkt, aber selten ohne Nutzen.
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