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28. März 1979 – Störfall Kernkraftwerk Three Mile Island

Am 28. März 1979 wurde Three Mile Island in Pennsylvania zum Synonym für den schwersten Störfall in der Geschichte der zivilen Kernenergie in den Vereinigten Staaten.

Am 28. März 1979 wurde Three Mile Island in Pennsylvania zum Synonym für den schwersten Störfall in der Geschichte der zivilen Kernenergie in den Vereinigten Staaten. Im Block 2 des Kernkraftwerks kam es in den frühen Morgenstunden zu einer partiellen Kernschmelze. Der Unfall forderte nach den amtlichen Untersuchungen keine nachweisbaren Strahlenschäden bei Kraftwerksmitarbeitern oder in der Bevölkerung; seine politische, gesellschaftliche und regulatorische Wirkung war dennoch enorm. Bis heute gilt Three Mile Island als Wendepunkt, weil der Störfall zeigte, dass in einer hochtechnisierten Anlage nicht nur einzelne Bauteile versagen können, sondern auch Anzeigen, Abläufe, Kommunikation und menschliche Entscheidungen zusammen eine Katastrophe hervorbringen können.

Ausgelöst wurde der Unfall durch eine Störung im nichtnuklearen Sekundärsystem. Eine mechanische oder elektrische Fehlfunktion verhinderte, dass die Hauptspeisewasserpumpen Wasser zu den Dampferzeugern förderten, die dem Reaktorkern Wärme entziehen. In der Folge schalteten sich zunächst Turbine und dann der Reaktor automatisch ab. Damit war die Lage aber keineswegs stabilisiert. Der Druck im Primärsystem stieg, ein Entlastungsventil am Druckhalter öffnete sich ordnungsgemäß, schloss danach jedoch nicht wieder, sondern blieb hängen. Im Kontrollraum zeigte die Instrumentierung den Bedienmannschaften zugleich irrtümlich an, das Ventil sei geschlossen. So bemerkte das Personal zunächst nicht, dass Kühlmittel in Form von Dampf entwich und sich ein Kühlmittelverlust entwickelte.

Entscheidend war dann eine Kette aus Fehlannahmen und Fehlreaktionen. Die Bedienmannschaften vertrauten auf Anzeigen, die den tatsächlichen Zustand des Reaktorkerns nur unzureichend widerspiegelten. Weil man davon ausging, der Kern sei noch ausreichend mit Wasser bedeckt, wurden Maßnahmen ergriffen, die die Lage weiter verschärften. Die Kühlmittelpumpen wurden abgeschaltet, außerdem wurde der Zufluss von Notkühlwasser reduziert, weil man ein Überfüllen des Druckhalters fürchtete. Tatsächlich sank dadurch der Wasserstand im Reaktordruckbehälter; der Kern überhitzte, und große Teile des Brennstoffs wurden schwer beschädigt. Three Mile Island wurde damit zum Lehrstück dafür, wie technisches Versagen, irreführende Anzeigen und menschliche Fehlinterpretationen ineinandergreifen können.

Der Unfall löste in den folgenden Tagen eine Welle aus Angst, Gerüchten und politischer Nervosität aus. Gerade weil der Umfang des Schadens zunächst unklar war, herrschte Verunsicherung bei Behörden, Betreibern und Bevölkerung. Nach späteren Untersuchungen lagen die freigesetzten radioaktiven Mengen jedoch deutlich niedriger, als viele Menschen damals befürchteten. Die US-Aufsichtsbehörde NRC verweist darauf, dass die rund zwei Millionen Menschen in der Umgebung im Durchschnitt nur etwa 1 Millirem zusätzliche Strahlendosis erhalten hätten, also nur einen sehr kleinen Wert oberhalb der natürlichen Hintergrundstrahlung. Die NRC hält fest, dass es keine nachweisbaren Gesundheitseffekte bei Mitarbeitern oder Öffentlichkeit gegeben habe. Dennoch hinterließ das Ereignis tiefe Spuren im Sicherheitsgefühl der Bevölkerung und im Verhältnis vieler Amerikaner zur Kernenergie.

Die langfristigen Folgen waren weitreichend. Nach Three Mile Island wurden in den USA die Notfallplanung, die Ausbildung von Reaktorfahrern, die Gestaltung von Leitständen, die Berücksichtigung menschlicher Faktoren und die staatliche Aufsicht grundlegend verschärft. Die NRC betont selbst, dass der Unfall zu umfassenden Änderungen in der Reaktorsicherheit führte und die Regulierung deutlich strenger machte. Besonders die Vorbereitung auf Krisenfälle wurde neu bewertet; Bund, Staaten, Kommunen, Einsatzkräfte und Betreiber mussten ihre Kommunikations- und Evakuierungspläne überarbeiten. In dieser Hinsicht war Three Mile Island nicht nur ein Unfall, sondern auch ein Auslöser eines neuen Sicherheitsdenkens.

Auch wirtschaftlich und energiepolitisch wirkte der Störfall lange nach. Three Mile Island traf die amerikanische Atomindustrie in einer Phase, in der sie ohnehin unter Kostenproblemen, wachsendem Protest und politischen Debatten litt. Der Unfall verstärkte das Misstrauen gegenüber neuen Reaktoren und wurde für viele Jahre zu einem Symbol der Risiken der Kernkraft. Der betroffene Block 2 blieb dauerhaft stillgelegt. Nach Angaben der NRC sind heute 99 Prozent des Brennstoffs entfernt; gleichwohl befindet sich die Anlage noch immer im Prozess der Stilllegung und Dekontamination. Ende Oktober 2025 wurde ein geänderter Stilllegungsplan eingereicht, den die Aufsichtsbehörde derzeit prüft. Damit reicht die Nachgeschichte des Unglücks weit bis in die Gegenwart hinein.

Bemerkenswert ist, dass der Name Three Mile Island inzwischen auch in einer neuen Debatte auftaucht. Der benachbarte Block 1, der vom Unfall 1979 nicht direkt betroffen war und 2019 aus wirtschaftlichen Gründen stillgelegt wurde, soll nach einer 2024 angekündigten Vereinbarung zwischen Constellation und Microsoft als Crane Clean Energy Center wieder ans Netz gebracht werden. Geplant ist eine Wiederinbetriebnahme im Jahr 2028, vorbehaltlich der erforderlichen Genehmigungen. Das zeigt, wie stark sich der Blick auf Kernenergie im Zeichen wachsender Stromnachfrage, Digitalisierung und Debatten über CO2-arme Energiequellen verändert hat. Der Unfall von 1979 bleibt dabei dennoch ein Mahnmal. Three Mile Island steht bis heute für die Einsicht, dass Technik niemals nur so sicher ist wie ihre Bauteile, sondern auch so sicher wie die Menschen, Anzeigen, Regeln und Institutionen, die im Ernstfall über Sekunden entscheiden.

Bild: Public Domain | Public Domain

Bildquellen auf dieser Seite:

  • Three_Mile_Island_(color)-2 Gemeinfrei: Public Domain | Public Domain

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