Am 2. April 1928 ließ der französische Musiker, Pädagoge und Erfinder Maurice Martenot ein neues elektronisches Musikinstrument patentieren, das bei seiner Vorstellung zunächst als Ondes Musicales bezeichnet wurde und später unter dem Namen Ondes Martenot bekannt wurde. Gemeint war ein monophones Instrument, das Töne nicht mechanisch, sondern mit elektronischen Schwingungen erzeugte. Damit gehört es zu den frühesten Instrumenten der elektronischen Musik. Es wurde 1928 öffentlich vorgestellt und gilt bis heute als eines der erfolgreichsten und musikalisch vielseitigsten Instrumente dieser frühen Entwicklungsphase.
Die Wurzeln dieses Instruments reichen in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zurück. Maurice Martenot hatte als Funker gearbeitet und dabei die Überlagerung von Radiowellen und die dabei entstehenden schwebenden Töne kennengelernt. Aus dieser technischen Erfahrung entwickelte er die Idee, ein Instrument zu bauen, das den neuen elektronischen Klang nicht bloß als Effekt nutzt, sondern als ernstzunehmendes Ausdrucksmittel. Sein Ziel war nicht die kalte Maschinenmusik, sondern im Gegenteil eine elektronische Klangquelle, die ähnlich fein, flexibel und nuanciert reagieren konnte wie eine Singstimme oder ein Streichinstrument. Gerade darin lag der Unterschied zu vielen anderen frühen Experimenten der elektrischen Klangerzeugung.
Das Besondere an den Ondes Martenot war von Anfang an die Verbindung von Technik und Körperlichkeit. Gespielt wurde das Instrument über eine Tastatur, später auch mit einem Ring, der an einem Draht entlanggeführt wurde und gleitende Tonbewegungen erlaubte. Dazu kam eine äußerst empfindliche Steuerung der Lautstärke und Klangfarbe mit der anderen Hand. Dadurch konnte das Instrument nicht nur ätherisch und schwebend klingen, sondern auch überraschend warm, klagend oder beinahe vokal. Diese Ausdruckskraft machte seinen Ruf aus. Während viele frühe elektronische Instrumente rasch als Kuriositäten wahrgenommen wurden, behaupteten sich die Ondes Martenot im Konzertleben, weil sie mehr konnten als nur neu klingen. Sie ließen sich musikalisch formen.
Schon kurz nach der Einführung fand das Instrument seinen Weg in die Kunstmusik. Vor allem in Frankreich stieß es auf Interesse, doch seine eigentliche Karriere verdankt es einer Reihe bedeutender Komponisten des 20. Jahrhunderts. Besonders eng verbunden ist seine Geschichte mit Olivier Messiaen, der das Instrument in mehreren Werken einsetzte und ihm damit einen festen Platz in der modernen Musik verschaffte. Auch andere Komponisten griffen darauf zurück, weil es Klangfarben hervorbringen konnte, die mit traditionellen Orchesterinstrumenten kaum erreichbar waren. Zugleich war es nicht auf das Konzertpodium beschränkt. Schon in den 1930er Jahren tauchte es im Film auf und prägte dort früh jene schimmernden, unheimlichen oder entrückten Klangräume, die später oft als typisch für elektronische Filmmusik empfunden wurden.
Eine zentrale Figur für die Verbreitung des Instruments war die französische Musikerin Jeanne Loriod. Sie wurde zu seiner wichtigsten Interpretin, unterrichtete es über viele Jahre und sorgte dafür, dass das Repertoire nicht in Vergessenheit geriet. In einer Musikgeschichte, die oft von technischen Neuerungen und immer neuen Geräten erzählt wird, ist das keine Kleinigkeit. Die Ondes Martenot blieben nicht deshalb lebendig, weil sie technisch überlegen gewesen wären, sondern weil sich eine kleine, hochspezialisierte Tradition von Musikern, Lehrern und Komponisten bildete, die das Instrument ernst nahmen und weitertrugen.
Im Laufe der Jahrzehnte veränderte sich das Instrument mehrfach. Maurice Martenot entwickelte mehrere Generationen, die jeweils Verbesserungen brachten. Dennoch blieb die Zahl der gebauten Exemplare begrenzt. Die Produktion der klassischen Instrumente endete 1988. Damit schien zunächst offen, ob die Ondes Martenot endgültig aus dem aktiven Musikleben verschwinden würden. Ganz verschwunden sind sie jedoch nicht. Seit den 1990er Jahren gab es Versuche, Nachbauten und Weiterentwicklungen zu schaffen, darunter das Ondéa, das die Spielidee und den charakteristischen Ausdruck des Originals bewahren sollte.
Auch jenseits der klassischen Moderne blieb der Klang des Instruments präsent. In der Filmmusik wurde er über Jahrzehnte immer wieder eingesetzt, weil er eine eigenartige Mischung aus Fremdheit und Emotionalität besitzt. Später entdeckten auch Musiker aus Rock und Pop die Ondes Martenot neu. Besonders häufig wird dabei auf Jonny Greenwood von Radiohead verwiesen, der dem Instrument seit den frühen 2000er Jahren zu neuer Aufmerksamkeit verhalf. So wurde ein Instrument aus den 1920er Jahren noch einmal in einen zeitgenössischen Zusammenhang gestellt, ohne seine historische Eigenart zu verlieren.
Seine Bedeutung bis heute liegt deshalb auf mehreren Ebenen. Technikgeschichtlich stehen die Ondes Martenot am Anfang einer Entwicklung, aus der später Synthesizer, elektronische Studios und digitale Klangerzeugung hervorgingen. Musikgeschichtlich zeigen sie, dass elektronische Instrumente nicht nur futuristische Effekte liefern, sondern echte Interpretationskunst verlangen können. Kulturgeschichtlich wiederum sind sie ein Beispiel dafür, dass manche Erfindungen überleben, obwohl sie nie Massenprodukte wurden. Ihr Klang ist bis heute sofort erkennbar und entzieht sich doch einfacher Einordnung. Er wirkt zugleich alt und modern, künstlich und menschlich. Gerade diese Spannung erklärt, warum die Ondes Martenot fast hundert Jahre nach ihrer Patentierung noch immer nicht nur als Museumsstück gelten, sondern als lebendiger Teil der Musikgeschichte.
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