Es war ein unscheinbarer Brief, der am 20. April 1998 bei der Nachrichtenagentur Reuters einging; und dennoch markierte er das Ende einer Ära. In wenigen Sätzen verkündete die Rote Armee Fraktion (RAF), dass sie ihre „Stadtguerilla“ nach fast 30 Jahren aufgebe. Damit endete eines der düstersten Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Gegründet wurde die RAF 1970 von linken Aktivisten wie Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof. Sie verstanden sich als revolutionäre Kämpfer im „bewaffneten Widerstand“ gegen den „imperialistischen Staat“ und sahen sich in der Tradition anti-kolonialer Bewegungen. Ihre Wurzeln lagen in der außerparlamentarischen Opposition der 1960er-Jahre, die sich gegen den Vietnamkrieg, den Kapitalismus und als autoritär empfundene Strukturen in der BRD richtete.
Was folgte, war eine Eskalation der Gewalt: Banküberfälle, Brandanschläge, Bombenattentate und Entführungen. Die RAF operierte in drei Generationen; die erste in den 1970er-Jahren, die zweite während des sogenannten „Deutschen Herbstes“ 1977, und eine dritte bis in die 1990er-Jahre. Zu den bekanntesten Opfern zählen Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto und Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer.
Der Staat reagierte mit massiver Fahndung, verschärfter Sicherheitspolitik und der Schaffung spezieller Anti-Terror-Einheiten. Die Inhaftierung führender RAF-Mitglieder führte jedoch nicht zur Beruhigung, im Gegenteil: Die zweite Generation setzte gezielt auf Eskalation, um die Freilassung der Inhaftierten zu erzwingen.
Besonders der Herbst 1977 gilt als Schlüsselmoment: Nach der Entführung Schleyers durch die RAF und der zeitgleichen Flugzeugentführung durch palästinensische Terroristen eskalierte die Lage. Die GSG 9 befreite die Geiseln in Mogadischu, kurz darauf starben mehrere RAF-Mitglieder in der JVA Stuttgart-Stammheim; offiziell durch Suizid, bis heute von Anhängern der RAF bezweifelt.
Mit dem Zerfall der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges verlor die RAF zunehmend ihren ideologischen Rückhalt. Die dritte Generation agierte weitgehend im Verborgenen, ohne größere politische Wirkung. Der Mord an Detlev Rohwedder 1991 war der letzte große Anschlag. Danach wurde es zunehmend still um die Gruppe.
Die Selbstauflösung 1998 erfolgte ohne jede Reue; von einem „revolutionären Bruch“ war die Rede, von einem Projekt, das gescheitert sei. Eine Entschuldigung für die mehr als 30 Toten und unzähligen Verletzten gab es nicht.
Die RAF hat Spuren hinterlassen; politisch, gesellschaftlich, psychologisch. Viele Angehörige der Opfer leiden bis heute unter dem Verlust. Der Staat hat seine Sicherheitsarchitektur nach den RAF-Jahren dauerhaft verändert; etwa durch die Einführung der Kronzeugenregelung, die Ausweitung von Überwachungsbefugnissen und die Etablierung des Verfassungsschutzes als Frühwarnsystem gegen Extremismus.
Auch die Debatte um politische Gewalt ist durch die RAF nachhaltig geprägt. Die Grenze zwischen Protest und Terror, zwischen Kritik und Gewaltbereitschaft; all das wurde durch die Taten der RAF neu vermessen. Die Entstehung linker Gewaltformen, etwa im Umfeld des G8-Gipfels 2007, zeigt: Die Frage, wann der Staat zur Bedrohung wird und wann Gewalt sich gegen ihn rechtfertigen lässt, bleibt aktuell.
Heute ist die RAF Geschichte; doch sie ist nicht vergessen. Dokumentationen, Bücher und Ausstellungen widmen sich ihrer Ideologie, ihren Opfern und der gesellschaftlichen Reaktion. Die Auseinandersetzung bleibt schwierig, auch wegen der teilweise noch immer fehlenden Aufklärung einzelner Taten und möglicher Unterstützernetzwerke.
Die RAF mag sich aufgelöst haben, doch ihr Schatten reicht bis in die Gegenwart. Als Mahnung, dass Demokratie wachsam bleiben muss; und dass politische Radikalisierung, wenn sie zur Waffe greift, immer in die Katastrophe führt.
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