Am 22. April 1401, so die überlieferte Datierung, wurde vor Helgoland einer der bekanntesten Seeräuber des Mittelalters gefasst: Klaus Störtebeker. Eine bewaffnete Flotte der Hanse stellte die Vitalienbrüder und besiegte sie in einer Seeschlacht. Störtebeker geriet in Gefangenschaft und wurde auf das Schiff Bunte Kuh gebracht. Der Vorgang markierte einen wichtigen Schritt im Kampf der Hansestädte gegen die Piraterie, die Handel und Versorgung in Nord- und Ostsee bedrohte.
Die Geschichte Störtebekers beginnt im Halbdunkel der Quellen. Sicher ist wenig, umso zahlreicher sind spätere Erzählungen. Wahrscheinlich war „Störtebeker“ eher Beiname als eigentlicher Familienname. Oft wird er mit Wismar in Verbindung gebracht. Der Name soll vom niederdeutschen Ausdruck für „Stürz den Becher“ stammen, also jemanden bezeichnen, der einen Humpen in einem Zug leert. Ob der historische Mann tatsächlich so hieß, bleibt offen.
Störtebeker wurde mit den Vitalienbrüder berühmt. Diese Gruppierung entstand ursprünglich als Kaperverband im Krieg um Schweden Ende des 14. Jahrhunderts. Ihr Auftrag war es zunächst, die belagerte Stadt Stockholm mit Lebensmitteln zu versorgen. Daraus entwickelte sich jedoch ein loser Zusammenschluss bewaffneter Seefahrer, die bald auf eigene Rechnung handelten. Später nannten sie sich auch Likedeeler, also Gleichteiler, weil Beute angeblich gleichmäßig verteilt wurde. Aus politischem Hilfstrupp war damit ein ernstes Piratenproblem geworden.
Für die Hanse war dies mehr als ein Ärgernis. Kaufleute aus Hamburg, Lübeck oder Bremen lebten vom sicheren Seehandel. Überfälle auf Koggen, geraubte Waren und steigende Risiken trafen das wirtschaftliche Herz Norddeutschlands. Deshalb rüsteten Städte eigene bewaffnete Schiffe aus, sogenannte Friedeschiffe. Ihr Ziel war die Sicherung der Handelswege.
Die berühmte Schlacht vor Helgoland ist historisch nicht in allen Einzelheiten gesichert. Spätere Chroniken nennen oft Simon von Utrecht als Führungsfigur der Unternehmung. Andere Quellen verweisen stärker auf Hamburger Ratsherren wie Nikolaus Schocke und Hermann Lange. Sicher scheint: Die Piraten wurden gestellt, besiegt und zahlreiche Gefangene nach Hamburg gebracht.
Noch im selben Jahr endete Störtebekers Leben auf dem Grasbrook vor den Toren Hamburgs. Er wurde zusammen mit vielen Gefährten enthauptet. Daraus erwuchs die bekannteste Legende: Nach der Hinrichtung soll sein enthaupteter Körper noch an mehreren Kameraden vorbeigegangen sein, die dadurch Begnadigung erlangen sollten. Historisch belegt ist diese Erzählung nicht, sie gehört in den Bereich der Volkssage.
Gerade diese Mischung aus Gewaltgeschichte und Mythos erklärt Störtebekers Nachwirkung bis heute. In Norddeutschland wurde aus dem Seeräuber eine Symbolfigur. Manche sahen in ihm einen Rebellen gegen reiche Kaufleute, andere schlicht einen Kriminellen. Historiker weisen darauf hin, dass Piraten des Mittelalters keine romantischen Freiheitshelden waren, sondern bewaffnete Unternehmer mit wechselnden Loyalitäten. Dennoch fasziniert die Figur bis heute.
Sein Name lebt in zahlreichen Formen weiter. In Ralswiek finden jedes Jahr die Störtebeker Festspiele statt. In Hamburg erinnern Denkmäler, Straßennamen und Museumsstücke an die Epoche. Selbst Tourismus, Gastronomie und Markenwerbung greifen den Namen immer wieder auf. Aus einem gefürchteten Gegner der Hanse wurde über sechs Jahrhunderte später eine kulturelle Marke des Nordens.
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