Am 29. April 1882 fuhr in Halensee bei Berlin ein Fahrzeug, das seiner Zeit weit voraus war: Werner von Siemens führte auf einer 540 Meter langen Versuchsstrecke die „Elektromote“ vor, einen elektrisch angetriebenen Kutschenwagen mit Stromversorgung aus einer Oberleitung. Was auf den ersten Blick wie eine technische Spielerei wirkte, gilt heute als der erste Oberleitungsbus der Welt.
Die Versuchsstrecke lag in der damals noch selbständigen Siedlung Halensee, nordöstlich des Bahnhofs. Sie führte über Straßen, die heute zur Joachim-Friedrich-Straße und zur Johann-Georg-Straße gehören, und kreuzte den Kurfürstendamm. Der Wagen selbst fuhr nicht auf Schienen, sondern auf normalen Rädern. Seinen Strom bezog er über einen kleinen Kontaktwagen, der auf zwei Oberleitungsdrähten mitlief und über ein flexibles Kabel mit dem Fahrzeug verbunden war.
Technisch war die Elektromote damit ein früher Vorläufer des modernen Oberleitungsbusses. Zwei Elektromotoren trieben die Hinterräder über Ketten an. Der Wagen erinnerte äußerlich noch an eine offene Kutsche und bot Platz für mehrere Personen. Seine Energie kam jedoch nicht von Pferden, Dampf oder einer Batterie, sondern aus einer elektrischen Leitung über der Straße.
Siemens knüpfte damit an seine bisherigen Versuche mit elektrischer Mobilität an. Bereits 1879 hatte er auf der Berliner Gewerbeausstellung eine elektrische Eisenbahn vorgestellt, 1881 folgte die elektrische Straßenbahn in Lichterfelde. Die Elektromote war der nächste Schritt: ein elektrisches Straßenfahrzeug ohne Schienenbindung.
Der Versuch dauerte allerdings nur wenige Wochen. Am 13. Juni 1882 wurde der Betrieb eingestellt, kurz darauf wurde die Anlage wieder abgebaut. Die Idee war tragfähig, die Straßenverhältnisse jedoch nicht. Unebene Fahrbahnen erschwerten einen ruhigen Lauf des Kontaktwagens auf der Oberleitung. Siemens konzentrierte sich anschließend stärker auf die Weiterentwicklung der elektrischen Straßenbahn.
Trotzdem blieb die Elektromote ein Meilenstein. Sie zeigte bereits 1882, dass elektrischer Straßenverkehr ohne Schienen möglich war. Der reguläre Oberleitungsbusverkehr kam erst deutlich später. Doch die Grundidee war in Halensee schon vorhanden: ein straßengebundenes Fahrzeug, das seine Energie sauber und direkt aus einer Oberleitung bezieht. Damit begann die Geschichte des Oberleitungsbusses nicht in der Mitte des 20. Jahrhunderts, sondern auf einer kurzen Versuchsstrecke am Rand des damaligen Berlin.
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- Elektromote Halensee bei Berlin Gemeinfrei: Gemeinfrei | Gemeinfrei
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