Während der 1. Mai in vielen Teilen der Welt als Tag der Arbeit begangen wird, widmet man sich auf Hawaii an diesem Datum einem ganz anderen Anlass: dem Tag des Lei. Dieser Feiertag, der seit 1928 offiziell begangen wird, feiert nicht nur die Schönheit der hawaiianischen Flora, sondern vor allem die symbolische Bedeutung des Lei; einer traditionellen Blumenkette, die auf den Inseln weit mehr als ein dekoratives Accessoire ist.
Der Ursprung des Tages liegt in den Bemühungen, die hawaiianische Kultur zu bewahren und sichtbarer zu machen. Initiiert wurde der Tag vom Schriftsteller Don Blanding, der in einem Zeitungsartikel 1927 vorschlug, den 1. Mai in Hawaii dem Lei zu widmen. Seine Kollegin Grace Tower Warren prägte den einprägsamen Slogan: „May Day is Lei Day in Hawai‘i“. Der Vorschlag stieß auf große Resonanz, und bereits ein Jahr später wurde der erste offizielle Tag des Lei mit Musik, Tanz und natürlich einer Fülle an Leis gefeiert.
Der Lei selbst ist tief in der hawaiianischen Kultur verankert. Er besteht traditionell aus frischen Blumen, kann jedoch auch mit Blättern, Samen, Federn oder Muscheln gefertigt sein. Ein Lei wird verschenkt, um Liebe, Respekt, Zuneigung oder Dankbarkeit auszudrücken. Das Überreichen geschieht in einem rituellen Gestus; mit einem Lächeln und in der Regel begleitet von einem Kuss auf die Wange. Die Geste ist herzlich, verbindend und persönlich. Im Alltag, bei Festen, Hochzeiten oder auch beim Empfang von Gästen gehört der Lei zum kulturellen Repertoire der Hawaiianer.
Der Tag des Lei ist ein Tag, an dem diese Traditionen besonders sichtbar werden. Überall auf den Inseln finden Feiern statt, die das kulturelle Erbe Hawaiis würdigen. Schulen bereiten monatelang Hula-Aufführungen und Lieder vor, bei denen Kinder in symbolischer Kleidung auftreten. Die größte Feier findet im Kapiʻolani Park in Honolulu statt. Dort werden Lei-Wettbewerbe ausgerichtet, bei denen kunstvoll geflochtene Kreationen ausgestellt und prämiert werden. Musikgruppen spielen traditionelle Klänge, es wird getanzt und gemeinsam gegessen; ein Fest, das die Gemeinschaft stärkt und zugleich den Touristen einen Einblick in die hawaiianische Lebensweise gibt.
Neben der kulturellen und sozialen Komponente hat der Lei Day auch eine identitätsstiftende Bedeutung. Jede der acht Hauptinseln Hawaiis besitzt eine eigene symbolische Blume, die einen spezifischen Lei repräsentiert. So steht beispielsweise der rote ʻŌhiʻa Lehua für die Insel Hawaiʻi, die rosa Lokelani-Rose für Maui und die gelbe ʻIlima für Oʻahu. Diese florale Zuordnung ist mehr als reine Dekoration; sie vermittelt Zugehörigkeit, regionale Identität und ein Bewusstsein für die Vielfalt der Inseln.
Auch außerhalb Hawaiis gewinnt der Tag langsam an Bekanntheit. Wer ihn in anderen Teilen der Welt feiern möchte, kann sich an den grundlegenden Ideen orientieren: Gemeinschaft erleben, Respekt zeigen und mit einfachen Mitteln Freude schenken. Vielleicht ist der 1. Mai künftig nicht nur ein Tag der politischen Kundgebungen oder des Frühlingsbeginns, sondern auch ein Anlass, innezuhalten, zu schenken; und sich zu erinnern, wie verbindend ein einfacher Kranz aus Blumen sein kann.

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