Am Abend des 28. Mai 1975 fuhr ein Stück Münchner Stadtgeschichte in den Ruhestand: Die Linie 19 brachte mit ihrer Fahrt vom Max-Weber-Platz zum Bahnhof Pasing die letzte Straßenbahn mit Schaffnerbetrieb ans Ziel. Mit ihr verabschiedete sich eine Institution, die über Jahrzehnte das Bild der Stadt prägte: der Schaffner mit seiner Ledergeldtasche, dem sicheren Blick durch den Waggon und dem charakteristischen Ruf: „Bitte zurücktreten!“
Die Geschichte der Münchner Straßenbahn begann 1876 mit der Eröffnung der ersten Pferdebahn. Damals verband sie den Promenadeplatz mit Schwabing, gezogen von echten Pferdestärken. Die Umstellung auf elektrischen Betrieb erfolgte ab 1895 und stellte die Weichen für die Zukunft. Die Trambahn entwickelte sich rasch zu einem Rückgrat des städtischen Nahverkehrs.
Von Beginn an war der Schaffner fester Bestandteil des Betriebs. Er verkaufte Fahrkarten, kontrollierte den Fahrgastfluss und sorgte für Ordnung im Wagen. Auf der hinteren Plattform stand er bei Wind und Wetter, läutete zur Abfahrt und überblickte das Geschehen im Wageninneren. Über viele Jahrzehnte war er unverzichtbar, sowohl organisatorisch als auch als Ansprechpartner.
Mit dem technischen Fortschritt und wachsendem wirtschaftlichem Druck veränderte sich das Bild. Bereits in den 1960er-Jahren wurden erste Straßenbahnen ohne Schaffner in Betrieb genommen. Automatisierte Fahrscheinautomaten, vorderer Einstieg und sogenannte Einmannwagen ersetzten die bisherige Aufgabenteilung. Der Fahrer übernahm zunehmend die Verantwortung für Fahrkartenkontrollen und den Fahrgastkontakt.
Auch die Münchner Verkehrsbetriebe, damals noch Teil der Stadtwerke, reagierten auf die Entwicklung. Die Einführung des Selbstbedienungssystems auf mehreren Linien bedeutete schrittweise das Ende des traditionellen Schaffnerdienstes. Wirtschaftlichkeit wurde zum entscheidenden Faktor. Und so verschwanden nach und nach Uniformen, Lochzangen und Münzrollen aus dem Stadtbild.
Die letzte Fahrt mit Schaffner war mehr als nur ein Fahrplanpunkt, sie war ein symbolischer Abschied. Viele Münchner begleiteten diesen Moment persönlich. An der Endhaltestelle in Pasing wurde der letzte aktive Schaffner, Hans Obermeier, der seit über zwanzig Jahren im Dienst war, mit Blumen und Applaus verabschiedet. Ein letztes Mal streifte er die Uniform über, ein letzter Blick durch den Wagen, dann war Schluss.
Für viele war dies nicht nur das Ende eines Berufes, sondern das Verschwinden eines vertrauten Begleiters im öffentlichen Raum. Der Schaffner war mehr als Kontrolle und Kasse; er war Ansprechpartner, Ordnungshüter und manchmal sogar Seelsorger des fahrenden Alltags.
Heute erinnert in den modernen Fahrzeugen kaum noch etwas an den früheren Beruf. Nur im MVG-Museum oder bei Sonderfahrten ist die alte Zeit noch sichtbar. Für ältere Fahrgäste bleibt die Erinnerung an den Schaffner jedoch lebendig: an Handschlag und Lochzange, an das freundliche Nicken beim Einsteigen und an ein Berufsethos, das nicht einfach ersetzt werden kann.
Mit dem Ende des Schaffnerbetriebs wurde ein Kapitel städtischer Geschichte geschlossen. Die Straßenbahn fährt weiter: leise, klimatisiert und digital. Doch manchmal hallt auf den Schienen noch ein Echo jener Zeit, als Menschen statt Automaten den Takt vorgaben.
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