Am 19. Juni 1990 unterzeichneten Vertreter von Deutschland, Frankreich, Belgien, Luxemburg und den Niederlanden im luxemburgischen Ort Schengen ein Abkommen, das Europa nachhaltig veränderte. Ziel war die Abschaffung der stationären Grenzkontrollen zwischen den beteiligten Staaten und damit ein freier Personenverkehr innerhalb Europas. Das sogenannte Schengen-Abkommen gilt bis heute als ein bedeutender Meilenstein der europäischen Integration.
Bereits 1985 war ein erster Schritt getan worden. Damals vereinbarten dieselben fünf Staaten in einem Rahmenabkommen den schrittweisen Abbau der Grenzkontrollen. Fünf Jahre später folgte das konkrete Durchführungsübereinkommen, das nun die rechtlichen und praktischen Grundlagen für die Umsetzung festlegte. Dazu gehörten unter anderem Regelungen zur Polizeizusammenarbeit, gemeinsame Visa-Bestimmungen sowie der Aufbau eines einheitlichen Informationssystems für Sicherheitsbehörden. Die Unterzeichnung fand symbolträchtig auf einem Schiff auf der Mosel statt, unweit des Dreiländerecks zwischen Deutschland, Luxemburg und Frankreich. Schengen wurde damit zum Namensgeber eines politischen Projekts, das in den folgenden Jahrzehnten auf ganz Europa ausstrahlen sollte.
Mit dem Abbau der Binnengrenzen wollten die Staaten ein Zeichen für offene Gesellschaften setzen. Wer sich legal in einem der Mitgliedsstaaten aufhält, sollte sich künftig innerhalb des gesamten Schengen-Raums frei bewegen dürfen. Damit dies möglich wurde, mussten gleichzeitig die Außengrenzen besser gesichert und die Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden intensiviert werden. Das Schengener Informationssystem, kurz SIS, wurde zu einem zentralen Instrument dieser Kooperation. Es ermöglicht den beteiligten Staaten, Informationen über gesuchte Personen, gestohlene Fahrzeuge oder unerlaubte Einreisen schnell auszutauschen.
Was mit fünf Staaten begann, wurde rasch zu einem der sichtbarsten Integrationsprojekte Europas. Heute gehören 29 Länder dem Schengen-Raum an, darunter auch Nicht-EU-Staaten wie die Schweiz, Norwegen und Island. Doch mit dem Wachstum kamen auch neue Herausforderungen. Vor allem während der Migrationsbewegungen im Jahr 2015 wurde das System auf eine harte Probe gestellt. Mehrere Staaten führten erneut Grenzkontrollen ein, obwohl das Abkommen dies nur in Ausnahmefällen und zeitlich befristet zulässt. Einige dieser Kontrollen bestehen bis heute und widersprechen damit dem ursprünglichen Geist von Schengen.
Seit Mitte September 2024 führt Deutschland wieder stationäre Passkontrollen an allen seinen Außengrenzen durch; darunter auch zu Frankreich, Belgien, Luxemburg, den Niederlanden, Polen, Tschechien, der Schweiz und Österreich. Diese Maßnahmen wurden mit dem Ziel begründet, irreguläre Migration und grenzüberschreitende Kriminalität einzudämmen. Im Juni 2025 äußerten jedoch mehrere EU-Staaten sowie EU-Innenminister Kritik. Luxemburgs Innenminister Léon Gloden bezeichnete das Vorgehen als „gegen den Spirit von Schengen“, Spaniens Innenminister machte deutlich, dass solche Kontrollen nur „Ausnahme und zeitlich befristet“ zulässig seien. Auch Polens Ministerpräsident Donald Tusk warnte vor dem Risiko eines „Ping‑Pong-Spiels“ mit Migranten und kündigte an, im Gegenzug eigene Kontrollen zu erwägen. Der Bürgermeister von Schengen, Michel Gloden, bezeichnete die Kontrollen als symbolisches „Treten einer wichtigen Errungenschaft mit Füßen“.
Ein zentraler Kritikpunkt betrifft den mangelhaften Schutz der Außengrenzen. Länder an der Peripherie wie Griechenland oder Italien blieben mit dieser Aufgabe lange Zeit weitgehend allein. Die versprochene Solidarität innerhalb der EU blieb vielfach aus. Auch die Verteilung von Asylsuchenden wurde nicht einheitlich geregelt, was zu Spannungen zwischen den Mitgliedsstaaten führte. Zudem hat sich gezeigt, dass der Abbau der Binnengrenzen auch negative Folgen mit sich bringen kann. Kriminelle nutzen die fehlenden Kontrollen für grenzüberschreitende Aktivitäten. Zwar wurde die Zusammenarbeit der Polizei verstärkt, doch unterschiedliche Strafverfolgungssysteme und eine uneinheitliche Anwendung der Datenbank machen die Bekämpfung internationaler Kriminalität nach wie vor schwierig.
Das Schengen-Abkommen bleibt trotz aller Probleme eine der sichtbarsten Errungenschaften der europäischen Einigung. Für viele Menschen in Europa ist das Reisen ohne Passkontrolle selbstverständlich geworden. Doch gerade diese Selbstverständlichkeit zeigt, wie wichtig es ist, das Vertrauen in das System zu erhalten. Damit Schengen zukunftsfähig bleibt, braucht es mehr als technische Nachbesserungen. Entscheidend ist der politische Wille zur Zusammenarbeit, zur fairen Aufgabenteilung und zur Einhaltung gemeinsamer Regeln. Ohne diesen gemeinsamen Einsatz droht die Rückkehr zu nationalen Alleingängen. Der 19. Juni 1990 steht damit nicht nur für einen Aufbruch, sondern auch für die fortwährende Pflicht, Visionen in tragfähige Realität umzusetzen.
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