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20. Juni 1970 – Erstes Open Air-Festival in Deutschland

Am 20. und 21. Juni 1970 fand in Deutschland etwas statt, was ein absolutes Neuland war: Das erste Open Air Festival wurde im Frankfurter Radstadion durchgeführt.

Noch heute erinnern sich ältere Rockfans mit leuchtenden Augen an jenen heißen Frühsommertag, an dem das Radstadion im Frankfurter Stadtwald zum Schauplatz eines Musikereignisses wurde, das für die Bundesrepublik absolutes Neuland war: der Open Air Rock Circus, am 20. und 21. Juni 1970. Zwei Tage lang gaben sich internationale Rockgrößen und deutsche Nachwuchsbands auf einer offenen Bühne die Verstärkerklinke in die Hand. Es war das erste Musikfestival in Deutschland, das sich selbstbewusst Open Air Festival nannte und damit diesen Begriff in der bundesdeutschen Konzertlandschaft etablierte.

„Open Air“, das klang damals nach Woodstock, nach freier Liebe, langen Haaren, politischem Aufbruch und vor allem: nach Freiheit. Der Begriff war frisch importiert aus den USA, wo das legendäre Festival im August 1969 Maßstäbe gesetzt hatte. In Frankfurt aber wurde das Konzept für deutsche Verhältnisse angepasst; nicht auf einer Wiese, sondern im städtischen Radstadion, unter freiem Himmel, aber mit festen Rängen, Infrastruktur und halbwegs planbaren Bedingungen.

Veranstalter Karl-Heinz Bellmann, ein umtriebiger Frankfurter Konzertmacher, hatte den Nerv der Zeit getroffen. Statt sich auf nationale Namen zu beschränken, lud er bewusst internationale Acts ein, darunter Black Sabbath, Deep Purple, Canned Heat, Bo Diddley, Soft Machine, Renaissance und If. Ergänzt wurde das Line-Up durch deutsche Gruppen wie Can, Frumpy (mit der markanten Stimme von Inga Rumpf) und Murphy Blend. Die Mischung war ambitioniert: Bluesrock, Progressive, Krautrock. Musikalisch war der Rock Circus ebenso vielfältig wie die Besucher, die teils aus dem gesamten Bundesgebiet anreisten.

Schätzungsweise 10.000 Menschen kamen an beiden Tagen ins Stadion, ein logistisch anspruchsvolles Unterfangen. Zeltplätze oder Shuttlebusse, wie sie spätere Festivals boten, gab es nicht. Viele Jugendliche übernachteten unter freiem Himmel, nutzten Isomatten und Schlafsäcke, improvisierten, feierten. Die Stimmung blieb größtenteils friedlich, trotz mangelnder Erfahrung bei Organisation und Sicherheitskonzepten.

Presseberichten zufolge herrschte eine „freundlich-anarchische Atmosphäre“. Die Musik stand klar im Mittelpunkt; aber auch das Lebensgefühl jener Jahre wurde spürbar: Aufbruch, Neugier, Grenzüberschreitung. Der „Rock Circus“ war kein reines Konsumereignis, sondern ein Ausdruck einer Subkultur, die sich gerade erst zu formieren begann; und ein Signal an die Veranstaltungsbranche, dass Open Air auch in Deutschland möglich war.

Trotz seiner Bedeutung ist der Open Air Rock Circus heute weitgehend vergessen. Das liegt auch daran, dass ihm, anders als Woodstock, die große mediale Dokumentation fehlte. Keine Filmcrew hielt das Geschehen fest, keine Schallplatte erschien im Nachgang, kaum ein Tontechniker der Zeit machte sich Notizen. Und doch: Für viele Musiker, Veranstalter und Fans wurde Frankfurt 1970 zum Ausgangspunkt einer neuen Ära.

Wenige Monate später, im September 1970, fand das Love-and-Peace-Festival auf Fehmarn statt, bei dem Jimi Hendrix sein letztes Konzert gab. Auch dort spielte die Idee vom Open-Air eine zentrale Rolle; doch es war Frankfurt, wo der Begriff zuerst als offizielles Festivalmotto gewählt wurde.

Heute, in Zeiten professioneller Großveranstaltungen wie Rock am Ring oder Hurricane, wirkt das Frankfurter Experiment fast naiv. Doch der Mut, ein internationales Musikereignis unter freiem Himmel zu wagen, gehört zu den Grundsteinen der deutschen Festivalgeschichte. Ohne das Radstadion-Erlebnis im Juni 1970 wäre der Siegeszug des Open-Air-Konzepts hierzulande kaum denkbar gewesen.

In einer Zeit, in der Kulturveranstaltungen immer stärker durch wirtschaftliche Interessen und Sicherheitskonzepte geprägt werden, erinnert der „Open Air Rock Circus“ an etwas anderes: an die Kraft der Idee, dass Musik und Freiheit sich gegenseitig beflügeln können. Und zwar ganz ohne Zäune im Kopf.

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