Am 15. Juli erinnern sich viele Menschen in England an Saint Swithin, einen angelsächsischen Bischof, der im 9. Jahrhundert lebte und heute als Heiliger verehrt wird. Doch der Saint Swithins-Tag ist nicht nur ein kirchlicher Gedenktag. Seit Jahrhunderten gilt er auch als Wetterweiser: Wie das Wetter an diesem Tag ist, so soll es der Überlieferung zufolge weitere 40 Tage bleiben.
Der Ursprung dieser Wetterregel liegt in einer Legende, die sich um die Umbettung von Swithins Gebeinen im Jahr 971 rankt. Ursprünglich unter freiem Himmel bestattet, wurde der bescheidene Geistliche Jahre später feierlich in die Kathedrale von Winchester überführt. Noch am selben Tag, so heißt es, habe ein heftiger Regen eingesetzt, der volle 40 Tage andauerte. Für viele war das ein Zeichen des Himmels, eine Art himmlischer Protest gegen den Bruch von Swithins letzten Willen. Seither gilt der 15. Juli in England als eine Art Wetterprophet.
Meteorologisch ist die 40-Tage-Regel freilich wenig belastbar. Doch wie bei vielen Bauernregeln, auch im deutschsprachigen Raum, etwa beim Siebenschläfertag Ende Juni, steckt ein alter Erfahrungswert dahinter: Die Großwetterlage im Hochsommer bleibt oft über längere Zeit stabil. Dass gerade Sankt Swithin damit in Verbindung gebracht wird, dürfte auch mit seiner regionalen Bedeutung zu tun haben. Als Bischof von Winchester war er im angelsächsischen England hoch angesehen, und seine Verehrung wurde durch Wundertaten und Heilungen befördert, die man ihm nach seinem Tod zuschrieb.
Heute ist der Sankt Swithins-Tag vor allem ein kulturelles Kuriosum, aber einer mit poetischem Beiklang. Der britische Musiker Billy Bragg schrieb ein melancholisches Lied mit dem Titel „St Swithin’s Day“, in dem es weniger um das Wetter geht als um verpasste Gelegenheiten und junge Liebe. Auch der Roman „One Day“ von David Nicholls spielt bewusst mit dem Datum und seiner Symbolik.
Der Sankt Swithins-Tag ist damit ein typisches Beispiel für die englische Mischung aus Volksglauben, Geschichte und literarischer Überformung. Ob er nun Regen bringt oder nicht, er lädt zum Innehalten ein, zum Blick in den Himmel und vielleicht auch zur Frage: Was würde ich mir wünschen, wenn ich es dem Heiligen gleichtun dürfte?

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