Der Kocherlball am Chinesischen Turm gehört zu den ungewöhnlichsten Münchner Traditionsveranstaltungen. Statt am Abend beginnt das Tanzfest bereits um sechs Uhr morgens und endet gegen zehn Uhr. Es findet gewöhnlich am dritten Sonntag im Juli im Biergarten des Chinesischen Turms im Englischen Garten statt. Der Eintritt ist frei, getanzt wird unter freiem Himmel zu bayerischer Volksmusik.
Die Wurzeln des Kocherlballs reichen in das 19. Jahrhundert zurück. Um 1880 traf sich das Münchner Hauspersonal an schönen Sommersonntagen schon zwischen fünf und acht Uhr morgens am Chinesischen Turm. Zu den Teilnehmern gehörten Köche, Küchenmägde, Kindermädchen, Hausdiener, Laufburschen und andere Beschäftigte wohlhabender Haushalte. Da sie später wieder ihren Dienst antreten mussten, blieb ihnen für Vergnügungen meist nur die Zeit vor dem Arbeitsbeginn oder vor der Rückkehr ihrer Dienstherren aus der Kirche.
Die Bezeichnung „Kocherl“ war im Münchner Sprachgebrauch ursprünglich ein Name für Küchenpersonal, wurde jedoch auch auf andere Hausangestellte übertragen. Der frühe Tanz entwickelte sich rasch zu einem beliebten Treffpunkt. Nach historischen Darstellungen kamen an manchen Sonntagen mehrere Tausend Menschen in den Englischen Garten. Damit bot der Ball einer gesellschaftlichen Gruppe, deren Alltag von langen Arbeitszeiten, geringer Freizeit und strengen Abhängigkeiten geprägt war, eine seltene Gelegenheit zu Unterhaltung, Tanz und Begegnung.
1904 untersagten die Behörden die Veranstaltung. Als offizielle Begründung wurde ein „Mangel an Sittlichkeit“ genannt. Hinter dem Verbot stand die damalige obrigkeitliche Vorstellung, das unbeaufsichtigte Feiern junger Dienstboten gefährde Ordnung und Moral. Danach verschwand der Kocherlball für 85 Jahre aus dem Münchner Veranstaltungskalender.
Erst 1989 wurde die Tradition anlässlich des 200-jährigen Bestehens des Englischen Gartens wiederbelebt. Maßgeblich beteiligt waren das Kulturreferat der Stadt München, die Wirtsfamilie am Chinesischen Turm und der Volksmusikpfleger Willi Poneder. Aus der zunächst einmaligen historischen Erinnerung entwickelte sich erneut eine jährlich stattfindende Großveranstaltung. Inzwischen lockt der Kocherlball bei gutem Wetter bis zu 12.000 oder mehr Besucher an.
Viele Teilnehmer erscheinen in Dirndl, Lederhose oder historischen Dienstbotenkostümen. Ein verpflichtender Dresscode besteht jedoch nicht. Auf dem Programm stehen Walzer, Polka, Landler, Boarischer, Zwiefacher und die Münchner Française. Tanzmeister und Vortänzer erklären die Figuren, sodass auch weniger geübte Besucher mitmachen können. Zur Vorbereitung bietet das Münchner Kulturreferat regelmäßig kostenlose Volkstanzkurse an.
Typisch für den Kocherlball ist die besondere Atmosphäre vor und kurz nach Sonnenaufgang. Viele Besucher kommen bereits lange vor Beginn, um einen Platz im Biergarten zu finden. Kerzen stehen auf den Tischen, dazu gibt es Kaffee, Weißwürste, Schmalznudeln und mitgebrachte Brotzeit. Die Musik erklingt rund um den Chinesischen Turm, während zwischen den Biergartentischen und vor der Bühne getanzt wird.
Trotz seiner heutigen Größe erinnert der Kocherlball an seinen sozialen Ursprung. Er entstand nicht als höfischer Ball oder bürgerliche Abendgesellschaft, sondern als Vergnügen von Menschen, die sich ihre freie Zeit am frühen Morgen nehmen mussten. Gerade diese Verbindung aus Volksmusik, ungewöhnlicher Uhrzeit und Münchner Sozialgeschichte macht seinen besonderen Charakter aus.

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