Am 29. September 1941 begann am Rande von Kiew eines der größten Einzelmassaker des Zweiten Weltkriegs. In der Schlucht von Babi Jar ermordeten deutsche Einsatzgruppen gemeinsam mit Wehrmachtseinheiten und ukrainischen Hilfspolizisten innerhalb von nur zwei Tagen mehr als 33.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder. Es war ein grausames Fanal der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik im Osten und markierte den Beginn der systematischen Massenerschießungen in der Ukraine.
Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Kiew im September 1941 hatten die Besatzer und ihre ukrainischen Kollaborateure Anschläge durch sowjetische Partisanen zum Anlass genommen, die jüdische Bevölkerung kollektiv zu bestrafen. Am 28. September wurde per Aushang befohlen, alle Juden der Stadt sollten sich am nächsten Morgen mit Papieren und Wertgegenständen an einer bestimmten Sammelstelle einfinden. Unter dem Vorwand einer Umsiedlung marschierten die Menschen in Richtung der Schlucht am Stadtrand. Dort mussten sie sich entkleiden, Wertsachen abgeben und wurden in Gruppen zur Hinrichtungsstelle geführt, wo Maschinengewehr-Salven sie niederstreckten. Innerhalb von 48 Stunden war das Massaker vollzogen; die Opfer wurden in Massengräbern verscharrt.
In den folgenden Monaten und Jahren wurde Babi Jar zu einem Schauplatz weiterer Morde. Neben Juden wurden dort auch sowjetische Kriegsgefangene, Roma, geistig Behinderte und Widerstandskämpfer ermordet. Schätzungen zufolge fanden bis 1943 mehr als 70.000 Menschen in der Schlucht den Tod. Als sich die Rote Armee näherte, versuchten die Täter, die Spuren zu verwischen. Gefangene wurden gezwungen, Leichen auszugraben und zu verbrennen; anschließend ermordete man auch diese Häftlinge.
Nach dem Krieg blieb das Massaker von Babi Jar lange Zeit ein verdrängtes Kapitel. In der Sowjetunion wurde es kaum öffentlich aufgearbeitet, die Opfer wurden anonymisiert als „friedliche sowjetische Bürger“ bezeichnet. Erst in den 1960er Jahren brachte das Gedicht „Babi Jar“ des russischen Dichters Jewgeni Jewtuschenko das Verbrechen wieder in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit. Auch der Komponist Dmitri Schostakowitsch setzte dem Massaker in seiner 13. Sinfonie ein eindringliches musikalisches Denkmal.
Heute gilt Babi Jar als Symbol für den Holocaust durch Kugeln, also die Massenermordungen von Juden in Osteuropa noch vor dem Ausbau der Vernichtungslager. An der Stelle der Schlucht, die in den 1950er Jahren teilweise zugeschüttet wurde, erinnern seit den 1970er Jahren Denkmäler an die Opfer. Inzwischen gibt es mehrere Mahnmale, darunter auch ein spezielles jüdisches Gedenkzeichen. Internationale Initiativen setzen sich dafür ein, die Erinnerung an das Massaker lebendig zu halten und die historischen Zusammenhänge für kommende Generationen zu bewahren.
Das Massaker von Babi Jar ist bis heute ein Mahnmal für die Grausamkeit der Nazis und ihrer Helfershelfer; es erinnert an die Hunderttausenden, die in den besetzten Gebieten der Sowjetunion durch Erschießungen ihr Leben verloren. Es steht als Zeugnis dafür, wie schnell eine Gesellschaft in den Abgrund von Gewalt und Barbarei stürzen kann, wenn Menschen entrechtet, ausgegrenzt und schließlich vernichtet werden.
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