Am 22. Februar 794 taucht Frankfurt am Main zum ersten Mal sicher in einer erhaltenen Urkunde auf. Ausgestellt wurde sie im Umfeld Karls des Großen; sie nennt als Ausstellungsort einen Platz am Fluss Main, der „Franconofurd“ heißt. Diese scheinbar beiläufige Ortsangabe ist für Frankfurt ein Einschnitt, weil sie die Stadt aus dem Vorfeld der Archäologie in die schriftlich fassbare Geschichte treten lässt.
Der Anlass für diese frühe Nennung hängt mit einem Großereignis der karolingischen Zeit zusammen, der Synode von Frankfurt. Karl der Große ließ im Jahr 794 auf seiner Pfalz am Main eine Reichsversammlung und Kirchensynode abhalten; im Juni kamen hochrangige Bischöfe und weitere Entscheidungsträger aus verschiedenen Teilen des Frankenreichs zusammen. Frankfurt war dafür kein Zufallsort. Die Pfalz lag verkehrsgünstig, bot königliche Infrastruktur und erlaubte Karl, Themen zu bündeln, die Religion, Recht und Machtpolitik zugleich berührten.
Im Zentrum der Beratungen stand eine theologische Kontroverse, der sogenannte Adoptianismus, der vor allem von Kirchenleuten in Spanien vertreten wurde und den die fränkischen Bischöfe als Irrlehre verurteilten. Ein weiterer Schwerpunkt war der Umgang mit religiösen Bildern. Der byzantinische Bilderstreit und die Beschlüsse des Zweiten Konzils von Nicäa von 787 wirkten bis ins Frankenreich; in Frankfurt positionierte man sich eigenständig gegenüber der östlichen Theologie. Darüber hinaus wurden politische Fragen verhandelt, darunter die endgültige Regelung um Tassilo III., den letzten agilolfingischen Herzog von Bayern, dessen Entmachtung die karolingische Herrschaft festigte. Die Synode war damit kein rein geistliches Treffen, sondern ein Instrument karolingischer Ordnungspolitik, bei dem Glaubensfragen, Reichseinheit und Herrscherautorität ineinandergreifen.
Aus dieser frühen Verbindung von Religion und Reichspolitik erklärt sich, warum Frankfurt in den folgenden Jahrhunderten immer wieder als Bühne des Reiches erscheint. Aus der königlichen Pfalz und dem günstigen Übergang am Main entwickelte sich ein Ort, der Handel und Politik zusammenzog. Spätestens im Hochmittelalter gewann Frankfurt Profil als Markt und Messestadt. Eine Messe ist im 12. Jahrhundert belegt; 1240 verlieh Kaiser Friedrich II. der Frankfurter Herbstmesse ein Privileg, das den Schutz der Besucher zusicherte und den internationalen Rang des Messeplatzes nachhaltig stützte.
Politisch stieg Frankfurt weiter auf, als die Stadt im 14. Jahrhundert dauerhaft in den Mechanismus der Königswahl eingebunden wurde. Die Goldene Bulle von 1356 bestimmte Frankfurt zum zentralen Wahlort der römisch-deutschen Könige; seit 1562 fanden hier zudem die meisten Kaiserkrönungen statt. Das prägte Stadtbild und Selbstverständnis. Frankfurt war nicht nur Handelsplatz, sondern ein Ort, an dem Reichssymbole sichtbar wurden und europäische Diplomatie ihren Raum fand.
Mit der Verdichtung von Handel und Geldverkehr wuchsen auch die Finanzfunktionen. Aus der Messewirtschaft entwickelte sich ein organisierter Wechsel- und Kursverkehr; 1585 legten Kaufleute erstmals einheitliche Wechselkurse fest. Dieses Datum gilt als Beginn der Frankfurter Börsengeschichte. Frankfurt wurde zu einem Knotenpunkt, an dem Warenströme und Kapitalströme einander verstärkten.
Nach dem Ende des Alten Reiches und den napoleonischen Umwälzungen wurde Frankfurt im Deutschen Bund wieder zu einem politischen Zentrum, als Freie Stadt und Sitz des Bundestages. In der Paulskirche tagte 1848 die Nationalversammlung, das erste gesamtdeutsche Parlament, das eine Verfassung für einen deutschen Nationalstaat erarbeiten sollte. Der Ort steht bis heute für einen zentralen Moment deutscher Demokratiegeschichte. Im Deutschen Krieg von 1866 verlor Frankfurt seine staatliche Eigenständigkeit; Preußen annektierte die Freie Stadt, und Frankfurt wurde Teil des preußischen Staates.
Im 20. Jahrhundert wandelte sich Frankfurt erneut unter den Zeichen von Industrialisierung, Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau. Zugleich blieb die Grundlinie erkennbar, die schon die Urkunde von 794 andeutet. Frankfurt ist ein Ort, der aus Lage, Verkehr und Institutionen Kraft zieht. Der Ausbau des Flughafens, die Entwicklung zum internationalen Finanzzentrum, die Rolle als Messestandort und als Sitz bedeutender Institutionen knüpfen an diese lange Tradition an.
Wenn man auf den 22. Februar 794 zurückblickt, wirkt das Datum zunächst wie eine trockene Archivnotiz. Tatsächlich markiert es den Moment, in dem ein Name erstmals sicher greifbar wird, der fortan immer wieder in den Quellen erscheint. Als Karl der Große in Frankfurt Bischöfe versammelte, ging es um Glaubensfragen, um Reichspolitik und um Deutungshoheit. Frankfurt war der Schauplatz, der diese Ebenen zusammenführte. Genau diese Fähigkeit zur Bündelung gehört zu seiner Geschichte bis in die Gegenwart.
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