Am 24. Februar 1921 stieß ein Bauer bei Egtved in Jütland auf einen Grabhügel aus der nordischen Bronzezeit, den er gerade abtragen ließ. Unter der Erde lag ein großer, ausgehöhlter Eichenstamm als Sarg. Der Fund wurde gemeldet; das Nationalmuseum in Kopenhagen übernahm die Bergung und öffnete den empfindlichen Sarg erst unter kontrollierten Bedingungen. Was dabei sichtbar wurde, machte den Fall sofort außergewöhnlich: Nicht nur Grabbeigaben, sondern auch organische Reste und Textilien waren in einer Qualität erhalten, die man aus dieser Zeit nur selten kennt.
Die Tote, später als „Mädchen von Egtved“ bekannt, starb nach heutiger Einschätzung im Alter von etwa 16 bis 18 Jahren; das Begräbnis wird dendrochronologisch in die Zeit um 1370 v. Chr. datiert. Von einem vollständigen Skelett kann keine Rede sein; erhalten blieben unter anderem Haare, Zähne, Nägel sowie Reste von Haut und Gewebe. Gerade diese Mischung aus menschlichen Resten, Kleidung und Beigaben macht den Fund zu einem Schlüsselzeugnis, weil er einen unmittelbaren Blick auf Handwerk, Körperpflege, Rituale und Alltagsästhetik der Bronzezeit erlaubt.
Berühmt wurde das Mädchen von Egtved vor allem durch seine Kleidung: ein kurzes Wolloberteil und ein charakteristischer, geschnürter Rock aus Kordeln, dazu Schmuck aus Bronze, darunter eine auffällig große, spiraldekorierte Gürtelscheibe. Im Sarg lagen außerdem Behälter aus Birkenrinde; beschrieben werden ein kleines Kästchen mit Werkzeug und Resten eines Haarnetzes sowie ein weiterer Behälter, der einst ein Getränk enthalten haben soll. Hinzu kommt eine irritierende Beigabe: die verbrannten Knochen eines Kindes, das ebenfalls im Grab deponiert wurde. Zusammengenommen wirkt das Arrangement nicht zufällig, sondern wie eine sorgfältig komponierte Bestattung mit klarer Symbolsprache.
Die Besonderheit des Falles liegt aber nicht nur im Erhaltungszustand, sondern auch darin, wie sehr dieser Fund bis heute wissenschaftliche Debatten auslöst. 2015 sorgte eine viel beachtete Studie zur Strontiumisotopenanalyse für Schlagzeilen: Aus Signaturen in Zähnen, Haar und Materialproben wurde abgeleitet, das Mädchen könne in der Jugend nicht dauerhaft in der Region von Egtved gelebt haben; als mögliche Herkunft wurde unter anderem ein Gebiet in Süddeutschland diskutiert. Die Vorstellung einer jungen Person, die im bronzezeitlichen Europa weite Strecken zurücklegte oder zwischen Regionen pendelte, passte gut zu aktuellen Fragen nach Handel, Heiratsallianzen und Mobilität.
Doch 2019 kam deutlicher Widerspruch: Eine Studie wies darauf hin, dass Vergleichswerte aus der Umgebung durch moderne landwirtschaftliche Kalkung verfälscht sein können; dadurch könne der Eindruck großer Fremdheit entstehen, obwohl die Signaturen in Wahrheit lokal erklärbar sind. Nach dieser Argumentation wäre es plausibel, dass das Mädchen von Egtved aus der näheren Region stammte und eher innerhalb einer Landschaft pendelte, statt quer durch Europa zu reisen. Seitdem steht der Fund beispielhaft dafür, wie stark naturwissenschaftliche Methoden von sauberer Umweltgrundlage abhängen und wie vorsichtig große Lebensgeschichten aus wenigen Messreihen konstruiert werden müssen.
Gerade diese doppelte Spannung macht das Mädchen von Egtved zu einem „modernen“ Fall: Einerseits liefert der Sarg aus Eiche, mit seinen Textilien und Resten von Körper und Alltag, eine intime Momentaufnahme aus einer Zeit vor rund 3.400 Jahren; andererseits zeigt die Debatte um Herkunft und Wege, wie lebendig Archäologie bleibt, wenn neue Messmethoden alte Gewissheiten angreifen. Ob Fernreisender oder lokaler Mensch mit saisonalen Bewegungen, ob Symbolfigur einer weiträumig vernetzten Elite oder Zeugnis regionaler Lebensformen: Der Fund vom 24. Februar 1921 zwingt bis heute dazu, die Bronzezeit nicht als starre Vergangenheit zu betrachten, sondern als Gesellschaft, die man Schicht für Schicht neu lesen muss.
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- Egtvedpigen Danish National Museum Gemeinfrei: Gemeinfrei | Gemeinfrei