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26. Februar 1852 – Erster Gebrauch der Doktrin „Frauen und Kinder zuerst“

Am 26. Februar 1852 sank der britische Truppentransporter „Birkenhead“. Zum ersten Mal wurde dabei die Doktrin "Frauen und Kinder zuerst!" verwendet.

Am 26. Februar 1852 sank der britische Truppentransporter „Birkenhead“ vor der Küste Südafrikas; ein Ereignis, das nicht allein wegen der hohen Opferzahl in die Seefahrtsgeschichte einging, sondern weil zum ersten Mal ein anderes Prinzip die Panik der Überfahrt beherrschte: „Frauen und Kinder zuerst!“. Heute erkennen Historiker darin weniger ein unumstößliches Gesetz als vielmehr einen kulturellen Wendepunkt im Umgang mit Extremsituationen.

Der eiserne Raddampfer der Royal Navy war auf dem Weg zur Kapkolonie, als er in den frühen Morgenstunden ein Riff bei Danger Point traf und in kurzer Zeit zu sinken begann. An Bord waren nahezu sechshundert Menschen; Soldaten, Seeleute, einige Frauen und Kinder. Weil nur wenige Boote einsatzbereit waren, mussten Entscheidungen getroffen werden, die über Leben und Tod entschieden. Unter dem Eindruck der drohenden Katastrophe gaben Offiziere den Befehl, zunächst die Frauen und Kinder in die Rettungsboote zu bringen, ein Verhalten, das bald als „Birkenhead Drill“ in die Überlieferung einging und den bis dahin gebräuchlichen Ruf „Rette sich, wer kann!“ ersetzte. Die Männer hielten Ordnung, entspannten sich in ihren Formationen, halfen bei der Absenkung der Boote; und gingen anschließend größtenteils bei untergehender „Birkenhead“ unter. Alle Frauen und Kinder an Bord überlebten.

Aus heutiger Perspektive zeigt die „Frauen und Kinder zuerst“-Doktrin, wie sehr gesellschaftliche Normen und Ideale das kollektive Gedächtnis prägen können. Die Birkenhead wurde schon im viktorianischen Großbritannien als Inbild geordneter Selbstaufopferung gefeiert, und der Ausdruck fand bald weite Verbreitung in der Presse und der Literatur des 19. Jahrhunderts.

Der Ruf sollte später bei anderen Schiffsunglücken erneut auftauchen – besonders bekannt ist seine Verwendung beim Untergang der RMS Titanic im Jahr 1912, wo in den dramatischen Stunden nach dem Zusammenstoß mit einem Eisberg Frauen und Kinder bevorzugt auf die wenigen verfügbaren Boote gebracht wurden, was in der öffentlichen Erinnerung zur Legendenbildung beitrug.

Doch historische Analysen relativieren die vermeintliche Regelmäßigkeit dieser Praxis: Bei vielen Unglücken, etwa dem Untergang der SS Arctic 1854, wurde das Prinzip gar nicht befolgt, und alle Frauen und Kinder gingen mit dem Schiff unter. Außerdem zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass in den meisten Schiffskatastrophen Männer häufiger überlebten als Frauen und Kinder; nicht, weil es eine verbindliche Vorschrift gab, sondern weil praktische Bedingungen und Zufälle das Überleben bestimmten.

Heute wird „Frauen und Kinder zuerst!“ oft eher als historische Chiffre und kulturelle Erinnerung verstanden denn als verbindlicher Verhaltenskodex. In modernen Evakuierungen legen Notfallmanager den Fokus in der Regel auf die allgemein verletzlichsten Personen, etwa Schwerverletzte, Alte oder kleine Kinder; unabhängig vom Geschlecht.

Was 1852 an der rauen Küste Südafrikas begann, hat sich über Generationen hinweg als moralisches Bild gehalten: Nicht „jeder für sich“, sondern Rücksicht auf die Schwächsten sollte in der Not gelten. Doch die Realität war, wie die weiteren Katastrophen des 19. und 20. Jahrhunderts zeigen, häufig viel widersprüchlicher.

Bild: Gemeinfrei | Gemeinfrei

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  • Wreck_of_the_Birkenhead Gemeinfrei: Gemeinfrei | Gemeinfrei

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