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6. März 1987 – Die Katastrophe von Zeebrugge: Als die „Herald of Free Enterprise“ kenterte

Am Abend des 6. März 1987 ereignete sich vor der belgischen Küste eines der schwersten Fährunglücke der europäischen Nachkriegszeit.

Am Abend des 6. März 1987 ereignete sich vor der belgischen Küste eines der schwersten Fährunglücke der europäischen Nachkriegszeit. Die britische Autofähre Herald of Free Enterprise kenterte wenige Minuten nach dem Auslaufen aus dem Hafen von Zeebrugge auf ihrem Weg nach Dover. 193 Passagiere und Besatzungsmitglieder verloren dabei ihr Leben. Das Unglück erschütterte Großbritannien und Belgien gleichermaßen und führte zu grundlegenden Veränderungen in der Sicherheit der internationalen Fährschifffahrt.

Die Herald of Free Enterprise war eine sogenannte Ro-Ro-Fähre, ein Schiff, auf das Fahrzeuge über große Tore am Bug oder Heck direkt auf das Fahrzeugdeck fahren können. Diese Bauweise ermöglicht eine schnelle Be- und Entladung im Hafen und machte solche Fähren zu einem wichtigen Bestandteil des Verkehrs über den Ärmelkanal. Das 1980 in Dienst gestellte Schiff konnte rund 1400 Passagiere befördern und war im regelmäßigen Verkehr zwischen Großbritannien und dem europäischen Festland eingesetzt.

Am 6. März verließ die Fähre gegen 18.05 Uhr mit 459 Passagieren und 80 Besatzungsmitgliedern den Hafen von Zeebrugge. An Bord befanden sich außerdem zahlreiche Fahrzeuge, darunter Autos, Lastwagen und Busse. Das Wetter war ruhig und es gab zunächst keinen Hinweis auf eine Gefahr. Doch nur wenige Minuten nach dem Auslaufen nahm das Unglück seinen Lauf. Beim Ablegen waren die großen Bugtore des Schiffes noch geöffnet. Durch diese Öffnung drang beim Beschleunigen der Fähre rasch Wasser auf das Fahrzeugdeck ein. Innerhalb kürzester Zeit verlor das Schiff seine Stabilität. Etwa vier Minuten nach dem Verlassen des Hafens begann es stark nach Backbord zu krängen und kenterte schließlich innerhalb von weniger als zwei Minuten.

Der unmittelbare Auslöser war ein menschlicher Fehler. Der Matrose, der für das Schließen der Bugklappen verantwortlich war, schlief in seiner Kabine und hatte das Auslaufen des Schiffes nicht bemerkt. Gleichzeitig ging die Schiffsführung davon aus, dass die Tore bereits geschlossen worden waren. Auf der Brücke gab es keine Anzeige, die den Zustand der Bugtüren sichtbar machte. Als das Schiff beschleunigte, strömte daher ungehindert Wasser auf das große, offene Fahrzeugdeck. Durch den sogenannten Freiflächen-Effekt geriet die Fähre innerhalb weniger Augenblicke aus dem Gleichgewicht.

Das Unglück spielte sich dramatisch schnell ab. Die Fähre lag nach wenigen Minuten auf der Seite und blieb in relativ flachem Wasser auf einer Sandbank liegen, etwa einen Kilometer vor der Küste. Diese Tatsache verhinderte wahrscheinlich eine noch größere Katastrophe. Dennoch waren viele Menschen im Inneren des Schiffes eingeschlossen oder wurden in das kalte Wasser der Nordsee geschleudert. Zahlreiche Opfer starben an Unterkühlung, bevor Rettungskräfte sie erreichen konnten. Mehr als 400 Menschen konnten gerettet werden, doch für 193 kam jede Hilfe zu spät.

Die anschließende Untersuchung zeigte, dass das Unglück nicht nur auf einen einzelnen Fehler zurückzuführen war. Ermittler stellten fest, dass eine Reihe organisatorischer Mängel zusammengewirkt hatte. Sicherheitsabläufe waren unzureichend, Kommunikationswege unklar und der Druck, Fähren möglichst schnell abzufertigen, hatte zu riskanten Arbeitsgewohnheiten geführt. In einem britischen Untersuchungsbericht wurde die Unternehmenskultur der Reederei als nachlässig gegenüber Sicherheitsfragen kritisiert.

Auch juristisch hatte das Unglück weitreichende Folgen. Bei einer Untersuchung wurden zahlreiche Todesfälle als rechtswidrige Tötung bewertet. Zwar scheiterten später Strafverfahren gegen Verantwortliche und gegen die Reederei, doch der Fall löste eine intensive Debatte über die Verantwortung von Unternehmen aus und trug langfristig zur Entwicklung moderner Regelungen zur Unternehmenshaftung bei.

Vor allem in der Seeschifffahrt führte die Katastrophe zu nachhaltigen Veränderungen. Neue Vorschriften verlangten unter anderem technische Anzeigen auf der Brücke, die den Zustand der Bug- und Hecktore anzeigen, strengere Sicherheitskontrollen vor dem Auslaufen sowie Verbesserungen im Stabilitätsdesign von Ro-Ro-Fähren. Zudem wurde die internationale Sicherheitskultur in der Schifffahrt neu bewertet. Initiativen zur besseren Sicherheitsorganisation in Reedereien, die später unter anderem im internationalen Sicherheitsmanagement der Schifffahrt verankert wurden, gehen teilweise auf die Lehren aus diesem Unglück zurück.

Mehr als drei Jahrzehnte später gilt das Kentern der Herald of Free Enterprise als ein Wendepunkt in der Geschichte der europäischen Fährschifffahrt. Die Katastrophe zeigte auf dramatische Weise, wie schnell eine Kette aus kleinen Fehlern zu einer großen Tragödie führen kann. Zugleich führte sie zu Sicherheitsstandards, die heute für Passagierschiffe selbstverständlich sind und dazu beitragen sollen, ähnliche Unglücke zu verhindern.

Bild: Public Domain | Public Domain

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