Am 26. März jährt sich das Inkrafttreten des Schengen-Abkommens. Genauer gesagt trat an diesem Datum im Jahr 1995 das Schengener Durchführungsübereinkommen vollständig in Kraft. Damit wurden die Personenkontrollen an den Binnengrenzen zwischen Belgien, Deutschland, Frankreich, Luxemburg, den Niederlanden, Spanien und Portugal abgeschafft. Was 1985 im luxemburgischen Ort Schengen als Vereinbarung von zunächst fünf Staaten begonnen hatte, wurde damit vom politischen Versprechen zur gelebten Wirklichkeit.
Die Idee hinter Schengen war größer als bloß ein schnellerer Grenzübertritt. Das Abkommen sollte den europäischen Binnenmarkt im Alltag spürbar machen. Wer Waren, Dienstleistungen, Arbeit und Reisen innerhalb Europas erleichtern wollte, musste auch die Schlagbäume zwischen Nachbarstaaten infrage stellen. Zugleich ging es um ein europäisches Freiheitsversprechen: weniger bürokratische Hürden, mehr Bewegungsfreiheit für Bürger, Pendler, Studenten, Touristen und Unternehmen. Schengen war damit von Anfang an ein Projekt, das wirtschaftliche Vernunft, politische Annäherung und symbolische Entgrenzung miteinander verband.
Allerdings war das Abkommen nie als Einladung zu grenzenloser Naivität gedacht. Der Wegfall der Kontrollen an den Binnengrenzen wurde mit einer gemeinsamen Verantwortung für die Außengrenzen verknüpft. Harmonisierte Kontrollen an den externen Grenzen, gemeinsame Visaregeln und eine engere Zusammenarbeit von Polizei, Zoll und Justiz sollten verhindern, dass offene Grenzen im Inneren zu Sicherheitslücken führen. Zu den ausdrücklich vorgesehenen Instrumenten gehören der direkte Informationsaustausch der Behörden, grenzüberschreitende Observationen und die Verfolgung von Straftätern über Staatsgrenzen hinweg. Auch das Schengener Informationssystem, kurz SIS, gehört zu diesem Sicherheitsgerüst.
Bis heute hat Schengen Europa tief verändert. Nach Angaben des Rates der Europäischen Union umfasst der Schengen-Raum inzwischen 29 Staaten, darunter 25 EU-Mitglieder sowie Island, Liechtenstein, Norwegen und die Schweiz. Mehr als 450 Millionen Menschen leben in diesem Raum. Rund 3,5 Millionen Menschen überschreiten dort jeden Tag eine Binnengrenze, etwa zur Arbeit, zum Studium oder für Familienbesuche. Insgesamt werden innerhalb des Schengen-Raums jedes Jahr schätzungsweise 1,25 Milliarden Reisen unternommen. Für Grenzregionen, Logistik, Tourismus und den Arbeitsmarkt ist das keine abstrakte europäische Zahl, sondern ein handfester Standortvorteil.
Zugleich zeigt die Geschichte von Schengen, dass offene Grenzen politisch nicht selbstverständlich sind. Das Regelwerk erlaubt es den Mitgliedstaaten, bei einer ernsthaften Gefährdung der öffentlichen Ordnung oder der inneren Sicherheit vorübergehend wieder Kontrollen an den Binnengrenzen einzuführen. Von dieser Möglichkeit wurde in den vergangenen Jahren mehrfach Gebrauch gemacht, etwa während der Corona-Pandemie, nach terroristischen Anschlägen oder im Zusammenhang mit irregulärer Migration. Der europäische Grundsatz lautet dabei, dass solche Maßnahmen Ausnahmefälle bleiben und zeitlich sowie räumlich auf das Notwendige begrenzt sein müssen.
Wie aktuell diese Spannungen sind, zeigt der Blick auf Deutschland. Nach Angaben der EU-Kommission führt Deutschland seit dem 16. März 2026 bis zum 15. September 2026 erneut Kontrollen an allen neun Landgrenzen durch. Begründet wird dies mit irregulärer Migration, Schleusungskriminalität sowie der angespannten Sicherheitslage. Das ist kein Beleg für das Scheitern von Schengen, wohl aber ein Hinweis darauf, dass das System ständig zwischen Freizügigkeit und Sicherheitsansprüchen austariert werden muss. Schengen ist also kein starres Denkmal europäischer Einigung, sondern ein sensibles Betriebsmodell, das politisch gepflegt und immer wieder neu begründet werden muss.
Auch technisch entwickelt sich das System weiter. Seit dem 12. Oktober 2025 wird an den Außengrenzen des Schengen-Raums schrittweise das elektronische Einreise- und Ausreisesystem EES eingeführt. Es registriert Kurzaufenthalte von Nicht-EU-Bürgern digital und soll unter anderem Überziehungen der erlaubten Aufenthaltsdauer sowie Identitätsbetrug leichter erkennbar machen. Ab dem 10. April 2026 soll dieses System die bisherige manuelle Passstempelung ersetzen. Das zeigt, wie sehr Schengen heute nicht nur für Reisefreiheit steht, sondern auch für den Versuch, Offenheit mit moderner Kontrolle zu verbinden.
Der Jahrestag des Inkrafttretens erinnert deshalb an eine der folgenreichsten Entscheidungen der europäischen Nachkriegsgeschichte. Schengen hat den Kontinent im Alltag näher zusammengerückt als viele Gipfelbeschlüsse und Sonntagsreden. Wer heute zwischen München und Salzburg, zwischen Straßburg und Kehl oder zwischen Luxemburg und den Nachbarstaaten unterwegs ist, erlebt oft ganz selbstverständlich, was vor wenigen Jahrzehnten noch mit Schlagbaum, Passkontrolle und Wartezeit verbunden war. Gerade weil diese Normalität so vertraut geworden ist, gerät leicht in Vergessenheit, wie politisch kühn und wie praktisch folgenreich dieses Abkommen einst war.
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