Am 12. Oktober 1847 begann in einer kleinen Berliner Werkstatt die Geschichte eines Unternehmens, das die Entwicklung der Elektrotechnik entscheidend prägen sollte. Aus der von Werner Siemens und Johann Georg Halske gegründeten Telegraphen-Bauanstalt entstand der heutige Technologiekonzern Siemens.
Am 12. Oktober 1847 nahm die „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“ in der Schöneberger Straße 19 in Berlin ihren Betrieb auf. Der damals 30-jährige preußische Artillerieoffizier Werner Siemens hatte einen verbesserten Zeigertelegrafen entwickelt, mit dem sich Nachrichten ohne Kenntnisse des Morsealphabets übertragen ließen. Gemeinsam mit dem Feinmechaniker Johann Georg Halske wollte er die Erfindung wirtschaftlich nutzen. Zunächst beschäftigte das Unternehmen lediglich zehn Mitarbeiter.
Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Bereits 1848 erhielt Siemens & Halske den Auftrag zum Bau einer Telegrafenverbindung zwischen Berlin und Frankfurt am Main. Die rund 670 Kilometer lange Leitung ging 1849 in Betrieb. Weitere Großaufträge folgten, darunter der Aufbau eines ausgedehnten russischen Telegrafennetzes. Bald entstanden Niederlassungen in London und St. Petersburg.
Ein entscheidender Durchbruch gelang Werner Siemens 1866 mit der Entdeckung des dynamoelektrischen Prinzips. Seine Dynamomaschine ermöglichte eine wirtschaftlichere Erzeugung elektrischer Energie und schuf wichtige Voraussetzungen für die industrielle Elektrifizierung. Siemens & Halske entwickelte sich zunehmend vom Telegrafenhersteller zum Elektrotechnikunternehmen. 1879 präsentierte die Firma in Berlin eine elektrische Versuchsbahn, zwei Jahre später nahm in Lichterfelde die erste dauerhaft betriebene elektrische Straßenbahn der Welt ihren Betrieb auf.
Auch sozialpolitisch beschritt das Unternehmen neue Wege. Werner Siemens führte Gewinnbeteiligungen ein und gründete 1872 eine Pensions-, Witwen- und Waisenkasse für seine Beschäftigten. Nach seinem Tod 1892 führten Familienmitglieder das Unternehmen weiter. 1897 wurde Siemens & Halske in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Sechs Jahre später entstanden durch den Zusammenschluss der Starkstromabteilungen mit der Firma Schuckert die Siemens-Schuckertwerke. In Berlin entwickelte sich unterdessen mit Siemensstadt ein bedeutender Industriestandort.
Die beiden Weltkriege hinterließen tiefe Spuren. Während des Ersten Weltkriegs produzierte Siemens Rüstungsgüter. In der Zeit des Nationalsozialismus war das Unternehmen erneut eng in die Kriegswirtschaft eingebunden. Zwischen 1940 und 1945 wurden mindestens 80.000 Menschen bei Siemens zur Zwangsarbeit eingesetzt, darunter Kriegsgefangene und Häftlinge aus Konzentrationslagern. Dieses Kapitel gehört zu den schwersten Belastungen der Unternehmensgeschichte.
Nach 1945 begann der Wiederaufbau. München und Erlangen entwickelten sich neben Berlin zu wichtigen Standorten. Siemens profitierte vom Wirtschaftswunder und expandierte in der Medizin-, Nachrichten- und Automatisierungstechnik. 1959 stellte das Unternehmen mit SIMATIC ein wegweisendes elektronisches Steuerungssystem vor.
Am 1. Oktober 1966 wurden Siemens & Halske, die Siemens-Schuckertwerke und die Siemens-Reiniger-Werke zur Siemens AG vereinigt. Der Konzern entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem international tätigen Elektronik- und Technologieunternehmen, das unter anderem Computer, Halbleiter, Medizintechnik, Kraftwerkstechnik und Verkehrssysteme produzierte. Neben technischen Erfolgen prägten wirtschaftliche Krisen, Umstrukturierungen und ein internationaler Korruptionsskandal in den 2000er-Jahren seine Geschichte.
Im 21. Jahrhundert richtete sich Siemens zunehmend auf Digitalisierung, Automatisierung und intelligente Infrastruktur aus. Das Medizintechnikgeschäft Siemens Healthineers ging 2018 an die Börse, 2020 wurde Siemens Energy als eigenständiges Unternehmen abgespalten.
Heute konzentriert sich die Siemens AG vor allem auf industrielle Software, automatisierte Fertigungsprozesse, intelligente Gebäude, Energienetze und Schienenverkehrstechnik. Auch künstliche Intelligenz gewinnt für die industrielle Entwicklung zunehmend an Bedeutung. Im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2026 erwirtschaftete der Konzern einen Umsatz von 20,8 Milliarden Euro.
Seit seiner Gründung im Jahr 1847 hat sich Siemens grundlegend verändert. Der Zeigertelegraf aus einer Berliner Hinterhofwerkstatt ist längst Geschichte. Geblieben ist die Verbindung von technischer Forschung und industrieller Anwendung, mit der das Unternehmen seit 1847 zahlreiche Entwicklungen der modernen Welt mitgestaltet hat.
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