Vor 48 Jahren, am 30. Dezember 1975, wurde eine der größten Abhöraffären in der Bundesrepublik Deutschland aufgedeckt: Die Lauschaffäre Traube. Sie zielte auf den Atomwissenschaftler und Manager Klaus Traube, der vom Verfassungsschutz fälschlicherweise verdächtigt wurde, Kontakte zur terroristischen Rote Armee Fraktion (RAF) zu haben. Die rechtswidrige Abhöraktion, die vom damaligen Innenminister Werner Maihofer (FDP) gebilligt wurde, löste einen politischen Skandal aus, der bis heute nachwirkt.
Die Lauschaffäre Traube begann am 30. Dezember 1975, als der Verfassungsschutz unter dem Decknamen “Operation Müll” Wanzen in der Wohnung von Traube installierte. Traube war damals geschäftsführender Direktor der Interatom, einer Tochterfirma der Kraftwerk-Union, die sich mit dem Bau des Brutreaktors in Kalkar beschäftigte. Traube war ein ehemaliger Befürworter der Kernenergie, der sich jedoch nach dem Reaktorunfall von Harrisburg 1974 zu einem erklärten Gegner dieser Energieform wandelte. Er trat 1972 in die SPD ein und engagierte sich für die Förderung erneuerbarer Energien.
Der Verfassungsschutz vermutete, dass Traube Informationen über die Sicherheit von Kernkraftwerken an die RAF weitergeben könnte, die damals Anschläge auf solche Anlagen plante. Diese Vermutung basierte auf einer falschen Zeugenaussage, die Traube in Verbindung mit einem RAF-Mitglied brachte. Die Abhöraktion, die mehrere Monate andauerte, erbrachte jedoch keinerlei Beweise für die behaupteten Kontakte. Stattdessen wurde Traube durch die Intervention des Verfassungsschutzes bei seinem Arbeitgeber entlassen und in seiner Privatsphäre verletzt.
Die Lauschaffäre Traube wurde am 28. Februar 1977 vom Magazin “Der Spiegel” unter dem Titel “Verfassungsschutz bricht Verfassung – Lauschangriff auf Bürger T.” öffentlich gemacht. Der Artikel basierte auf geheimen Unterlagen, die von einem Whistleblower aus dem Verfassungsschutz an einen Journalisten weitergegeben wurden. Unter den veröffentlichten Dokumenten befand sich auch eine Ministerialvorlage mit handschriftlichen Vermerken von Maihofer, die seine Kenntnis und Zustimmung zu der Abhöraktion belegten.
Die Enthüllung der Lauschaffäre Traube löste eine Welle der Empörung und Kritik aus, die sowohl die Regierung als auch den Verfassungsschutz erschütterte. Traube klagte gegen den Verfassungsschutz und erhielt 1980 eine Entschädigung von 150.000 DM. Maihofer musste 1978 als Innenminister zurücktreten, nachdem er zunächst versucht hatte, die Affäre herunterzuspielen. Der Präsident des Verfassungsschutzes, Richard Meier, wurde 1979 in den Ruhestand versetzt. Der Whistleblower, Karl Dirnhofer, und der Journalist, Hans Georg Faust, wurden wegen Geheimnisverrats angeklagt, aber später freigesprochen.
Die Lauschaffäre Traube gilt als ein Wendepunkt in der Geschichte der Überwachung in Deutschland. Sie zeigte die Gefahren und Grenzen der nachrichtendienstlichen Tätigkeit auf und führte zu einer verstärkten Kontrolle und Regulierung des Verfassungsschutzes. Sie sensibilisierte auch die Öffentlichkeit für die Bedeutung des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung und den Schutz der Privatsphäre.
Die Lauschaffäre Traube ist nur ein Beispiel für die vielen Kritikpunkte, die der Verfassungsschutz in seiner Geschichte auf sich gezogen hat. Auch in der heutigen Zeit steht der Inlandsgeheimdienst immer wieder in der Schusslinie. Es wird dem Verfassungsschutz vorgeworfen, politisch motiviert zu agieren und Protestbewegungen oder gesellschaftliche Entwicklungen, die ihm nicht genehm sind, zu überwachen und zu diskreditieren.
Diese und andere Skandale haben das Vertrauen in den Verfassungsschutz stark erschüttert und die Forderung nach einer Reform oder gar einer Abschaffung des Geheimdienstes laut werden lassen. Einige Stimmen plädieren dafür, den Verfassungsschutz durch eine unabhängige und transparente Institution zu ersetzen, die demokratische Werte und Grundrechte respektiert und schützt. Andere fordern eine stärkere parlamentarische und öffentliche Kontrolle des Verfassungsschutzes, um seine Machtfülle und Geheimhaltung zu begrenzen. Die Debatte um die Zukunft des Verfassungsschutzes ist somit auch eine Debatte um die Qualität der Demokratie in Deutschland.

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