Der Busfahrer-Streik von Okayama im April 2018 gehört zu jenen Arbeitskämpfen, die im Internet gern als Beleg für eine angeblich typisch japanische Form des Protestes erzählt werden. Ganz so einfach ist es nicht. Der Streik war tatsächlich ungewöhnlich: Die Fahrer der Ryobi-Gruppe legten ihre Arbeit nicht nieder, sondern fuhren weiter. Nur kassierten sie kein Fahrgeld. In den Bussen wurden die Fahrscheinautomaten abgedeckt, die Fahrgäste kamen kostenlos ans Ziel.
Auslöser war ein Konflikt um eine neue Buslinie in Okayama. Das Unternehmen Hakkō Unyu wollte mit seinem günstigen Stadtbus „Megurin“ auf einer Strecke fahren, die mit bestehenden Linien der Ryobi-Gruppe konkurrierte. Die Gewerkschaft befürchtete Druck auf Löhne, Arbeitsplätze und die Versorgung weniger rentabler Strecken. Bereits am 23. April 2018 hatte es einen klassischen Streik mit Ausfällen gegeben; wenige Tage später wechselte die Gewerkschaft zu einem sogenannten Fare Strike, also einem Streik gegen die Fahrgeldeinnahmen.
Am 26. April wurde diese Form zunächst für eine Stunde auf der Saidaiji-Linie praktiziert. Nach japanischen Medienangaben fuhren 18 Busse kostenlos, rund 300 Fahrgäste nutzten das Angebot. Für den 27. April war die Aktion ganztägig auf derselben Linie angekündigt. Die Botschaft war klar: Der wirtschaftliche Druck sollte das Unternehmen und die Behörden treffen, nicht die Fahrgäste.
Gerade diese Besonderheit machte den Streik international bekannt. In Deutschland und anderen Ländern wird er bis heute manchmal so erzählt, als sei dies eine übliche japanische Streikform: höflich, kundenfreundlich, fast konfliktfrei. Das ist irreführend. Auch in Japan sind Busfahrer-Streiks nicht grundsätzlich so organisiert. Der Fall Okayama war auch dort bemerkenswert, weil er bewusst vom üblichen Arbeitsniederlegungsmodell abwich. Japanische Berichte bezeichneten ihn ausdrücklich als Streik bei der Fahrgelderhebung; die Ryobi-Gruppe erklärte selbst, dass der Betrieb weiterlaufe, aber keine Fahrgelder eingenommen würden.
Der Streik war damit weniger eine folkloristische Anekdote über japanische Höflichkeit als ein präzise gesetzter Arbeitskampf. Er verband Rücksicht auf Pendler mit spürbarem wirtschaftlichem Schaden für den Betreiber. Gerade deshalb blieb er im Gedächtnis: nicht, weil japanische Busfahrer immer so streiken, sondern weil sie es in Okayama ausnahmsweise taten.
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