Am Abend des 30. April 1916 geschah im Deutschen Reich etwas, das heute selbstverständlich wirkt und doch damals ein tiefer Eingriff in den Alltag war: Die Uhren wurden um eine Stunde vorgestellt. Aus 23 Uhr wurde Mitternacht. Der 1. Mai begann damit eine Stunde früher, als es die bisherige Zeitrechnung vorgesehen hatte. Gleichzeitig führte auch Österreich-Ungarn die Sommerzeit ein. Beide Staaten waren damit die ersten Länder der Welt, die diese Maßnahme landesweit umsetzten.
Die Entscheidung fiel nicht aus Freude an langen Sommerabenden. Sie war eine Kriegsmaßnahme. Europa befand sich mitten im Ersten Weltkrieg, die Materialschlachten verschlangen Rohstoffe, Kohle, Transportkapazitäten und Arbeitskraft. Jede Einsparung schien wichtig. Die künstliche Beleuchtung sollte reduziert werden, indem man die hellen Abendstunden besser nutzte. Was heute oft als Frage des Lebensrhythmus, der Freizeit oder der Gesundheit diskutiert wird, begann 1916 als Versuch, Energie für Krieg und Industrie zu sparen.
Die rechtliche Grundlage im Deutschen Reich war eine Bekanntmachung des Bundesrats vom 6. April 1916. Sie bestimmte, dass für die Zeit vom 1. Mai bis zum 30. September 1916 die gesetzliche Zeit um eine Stunde vorverlegt wurde. Die Formulierung im Reichsgesetzblatt war nüchtern, aber folgenreich: Der 1. Mai 1916 begann demnach bereits am 30. April um 23 Uhr nach der bisherigen Zeitrechnung. Österreich-Ungarn zog mit einer eigenen Verordnung nach, die am 21. April 1916 erlassen und am 22. April veröffentlicht wurde.
Ganz ohne Vorläufer war die Idee nicht. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatten einzelne Orte mit saisonalen Zeitumstellungen experimentiert, etwa in Kanada. Auch in Großbritannien war über eine bessere Nutzung des Tageslichts diskutiert worden. Der entscheidende Unterschied lag jedoch in der Reichweite: 1916 wurde die Sommerzeit erstmals auf staatlicher Ebene und flächendeckend eingeführt. Gerade der Eisenbahnverkehr, die Verwaltung, die Rüstungsindustrie und das Militär verlangten nach einheitlichen Regeln. Eine Uhrzeit konnte im modernen Industriestaat nicht mehr beliebig lokal geregelt werden.
Die neue Zeit galt im Deutschen Reich zunächst bis zum 30. September 1916. Danach wurde die Uhr wieder zurückgestellt. In den Kriegsjahren 1917 und 1918 wurde die Sommerzeit erneut angewendet. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs verschwand sie in Deutschland zunächst wieder; von 1919 bis 1939 gab es keine Sommerzeit. Erst der Zweite Weltkrieg brachte sie erneut zurück. Später, im Umfeld der Energiekrisen der 1970er Jahre, wurde die Debatte wieder aufgenommen. Seit 1980 gibt es in Deutschland wieder eine regelmäßige Sommerzeit, inzwischen eingebettet in europäische Regelungen.
Die Einführung von 1916 zeigt, wie eng Zeitmessung, Staat und Wirtschaft miteinander verbunden sind. Die Uhr war nie nur ein neutrales Instrument. Sie ordnete Arbeit, Verkehr, Schule, Gottesdienste, Fabrikschichten und den öffentlichen Alltag. Als die Regierungen in Berlin und Wien 1916 an der Uhr drehten, griffen sie damit unmittelbar in das tägliche Leben von Millionen Menschen ein.
Bis heute ist die Sommerzeit umstritten. Ihre tatsächliche Energieersparnis wird immer wieder bezweifelt, ihre Auswirkungen auf Schlaf, Konzentration und Wohlbefinden werden kritisch diskutiert. Der Ursprung der Maßnahme ist dabei oft in Vergessenheit geraten. Sie war keine moderne Komfortidee und auch kein Geschenk an Spaziergänger, Biergärten oder längere Feierabende. Sie war ein Kind des Krieges, geboren aus Mangel, Organisation und dem Wunsch, selbst das Tageslicht möglichst effizient zu verwerten.
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