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2. Mai 1656 – Stadtbrand von Aachen

Am 2. Mai 1656 begann in Aachen ein Brand, der die Stadt stärker veränderte als fast jedes andere Ereignis ihrer älteren Geschichte.

Am 2. Mai 1656 begann in Aachen ein Brand, der die Stadt stärker veränderte als fast jedes andere Ereignis ihrer älteren Geschichte. Auslöser war nach der überlieferten Darstellung kein politischer Anschlag und keine kriegerische Zerstörung, sondern ein alltäglicher Fehler im Haus des Bäckers Peter Maw in der Jakobstraße: Nicht vollständig erloschene Holzkohle wurde auf dem Speicher ausgeschüttet. Dort entzündete sie die hölzerne Dachkonstruktion.

Was zunächst wie ein einzelner Hausbrand begann, wurde durch Wind, enge Bebauung und die damals verbreitete Holzbauweise binnen kurzer Zeit zu einer Katastrophe. Das Centre Charlemagne nennt den Brand eine der größten Katastrophen der älteren Aachener Stadtgeschichte; nach dieser Darstellung wurden 4425 Häuser und neun Zehntel aller Gebäude zerstört. Andere überlieferte Angaben sprechen von sieben Achteln der Stadt oder von 4664 Häusern bei insgesamt etwa 5300 Häusern. Die Unterschiede erklären sich unter anderem daraus, dass nicht alle Zählungen dieselben Gebäudearten einbezogen.

Das Feuer fraß sich zunächst durch die Jakobstraße und griff dann auf weitere Viertel über. Ein starker Südwind trug Funken in benachbarte Häuser, später veränderte sich die Windrichtung und trieb die Flammen in andere Stadtbereiche. In einer dicht bebauten Stadt, deren Häuser vielerorts aus Fachwerk, Holz und leicht brennbaren Materialien bestanden, fanden die Flammen reichlich Nahrung. Die Brandbekämpfung war den Möglichkeiten des 17. Jahrhunderts entsprechend begrenzt; Löschwasser, Organisation und Technik reichten nicht aus, um ein solches Feuer rasch unter Kontrolle zu bringen. Hinzu kam Panik. Zeitgenössische Berichte schildern Gerüchte über Brandstiftung und die Angst, ein Pulverturm könne Feuer fangen. Erst als der Brand keine Nahrung mehr fand, erlosch er. Nach den verbreiteten Angaben starben 17 Menschen, viele weitere wurden verletzt oder verloren ihre Existenzgrundlage.

Die materiellen Schäden waren gewaltig. Das mittelalterliche Aachen, das den Dreißigjährigen Krieg vergleichsweise glimpflich überstanden hatte, ging in weiten Teilen verloren. Die Stadt Aachen selbst beschreibt, dass 1656 rund 90 Prozent der städtischen Bausubstanz dem Feuer zum Opfer fielen; nur wenige Bauten überstanden die Katastrophe, darunter das heutige Haus Löwenstein am Markt und der Backsteinbau des heutigen Internationalen Zeitungsmuseums in der Pontstraße. Auch wichtige öffentliche und kirchliche Gebäude wurden schwer getroffen. Der Aachener Dom wurde durch den Stadtbrand stark beschädigt; Dächer, Turm und Glocken wurden vernichtet, eine vollständige Wiederherstellung war wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage zunächst nicht möglich.

Für Aachen kam das Feuer in einer ohnehin angespannten Zeit. Die Stadt hatte nach den religiösen Konflikten des 16. und frühen 17. Jahrhunderts an wirtschaftlicher Kraft verloren; Teile des Gewerbes waren abgewandert, Kriege und Abgaben belasteten die Bürgerschaft. Der Stadtbrand verschärfte diesen Niedergang erheblich. Viele Menschen standen vor dem Nichts, Werkstätten, Vorräte, Hausrat und Geschäftsunterlagen waren vernichtet. Gleichzeitig zwang die Katastrophe Aachen zu einem Neubeginn. Der Wiederaufbau verlief nicht einfach und nicht sofort einheitlich. Wegen der fehlenden Wirtschaftskraft blieb das Stadtgefüge zunächst an vielen Stellen lückenhaft. Wo neu gebaut wurde, änderten sich jedoch Bauweise und Stadtbild: Wegen der Brandgefahr entstanden neue Gebäude zunehmend nicht mehr in Holzbauweise, sondern als Ziegelbauten mit Werksteingewänden.

Aus der zerstörten mittelalterlichen Stadt entwickelte sich allmählich ein anderes Aachen. Der Aachener Brunnenarzt François Blondel prägte die Vorstellung, dass das Wasser wieder aufbauen müsse, was das Feuer zerstört hatte. Gemeint waren die heißen Thermalquellen, die nun stärker medizinisch und gesellschaftlich genutzt wurden. Aachen wurde in der frühen Neuzeit zur Kur- und Badestadt ausgebaut. Aus der Brandkatastrophe wuchs damit auch eine städtebauliche und wirtschaftliche Neuausrichtung. Im 18. Jahrhundert prägten barocke und später rokokoartige Formen das Stadtbild; Baumeister wie Laurenz Mefferdatis sowie Johann Joseph und Jakob Couven wurden wichtig für die neue Architektur. Das heutige Couven Museum und das Alte Kurhaus stehen in dieser Entwicklungslinie.

Bis heute ist der Stadtbrand von 1656 deshalb nicht nur ein historisches Unglück, sondern eine Zäsur im Aachener Stadtbild. Wer heute durch die Altstadt geht, sieht keine vollständig erhaltene mittelalterliche Reichsstadt mehr. Viele Gassen, Gebäude und Fassaden erzählen vielmehr von späteren Bauphasen, vom barocken Wiederaufbau, von der Entwicklung zur Badestadt und von weiteren Brüchen, besonders den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs. Der Brand erklärt, warum in Aachen nur wenige bürgerliche Bauten aus der Zeit vor 1656 erhalten sind und warum die Stadt in ihrer historischen Mitte eine Mischung aus karolingischem Erbe, barocken Spuren, Rekonstruktionen und moderner Nachkriegsarchitektur zeigt.

Der unachtsame Umgang mit Holzkohle im Haus eines Bäckers wurde so zu einem Ereignis, das weit über den 2. Mai 1656 hinauswirkte. Der Brand vernichtete Häuser, Kirchen, Werkstätten und Erinnerungsorte; zugleich leitete er einen Umbau ein, der Aachen neu definierte. Die Stadt verlor große Teile ihres mittelalterlichen Gesichts, gewann aber später ein neues Selbstverständnis als Bade-, Kur- und Kongressstadt. In diesem Gegensatz liegt die historische Bedeutung des Aachener Stadtbrandes: Er war eine Katastrophe, deren Folgen nicht nur in Archiven stehen, sondern bis heute im Stadtgrundriss, in erhaltenen Einzelbauten und im Erscheinungsbild der Aachener Altstadt ablesbar sind.

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