Am 18. Mai 1990 erreichte der TGV Atlantique 515,3 Kilometer pro Stunde. Genau genommen war es der Weltrekord für konventionelle Züge auf Stahlrad und Stahlschiene; japanische Magnetschwebefahrzeuge hatten bereits zuvor höhere Werte erreicht. Der Rekordzug war die TGV-Atlantique-Garnitur 325, die auf der noch jungen LGV Atlantique südlich von Vendôme fuhr.
Der TGV Atlantique war die zweite große Generation des französischen Hochgeschwindigkeitszuges nach dem TGV Sud-Est. Gebaut wurde er von GEC-Alsthom für die neue Atlantikstrecke von Paris in Richtung Westen und Südwesten. Der reguläre Betrieb begann 1989; ausgelegt war der Zug für 300 Kilometer pro Stunde im Fahrgastverkehr. Für die Rekordfahrt wurde die Garnitur 325 stark angepasst, aber nicht zu einem reinen Laborfahrzeug umgebaut. Sie wurde verkürzt, erhielt größere Räder, geänderte Übersetzungen, angepasste Stromabnehmer, zusätzliche Messausrüstung und eine besonders sorgfältig vorbereitete technische Abstimmung.
Der Rekord war auch eine Antwort auf Deutschland. Am 1. Mai 1988 hatte der InterCityExperimental der Deutschen Bundesbahn 406,9 Kilometer pro Stunde erreicht. Frankreich, das schon 1981 mit einem TGV 380 Kilometer pro Stunde gefahren war, wollte die Spitzenposition zurückholen. Bereits am 5. Dezember 1989 erreichte der TGV Atlantique 482,6 Kilometer pro Stunde. Wenige Monate später folgte der zweite Versuch. Am 18. Mai 1990 wurde bei Streckenkilometer 166,8 südlich von Vendôme der offizielle Wert von 515,3 Kilometer pro Stunde gemessen.
Die Fahrt war mehr als ein Prestigeakt. Sie zeigte, wie weit das System aus Fahrzeug, Gleis, Oberleitung, Stromabnehmern, Bremsen und Aerodynamik belastbar war. Für die SNCF und Alsthom war der Rekord ein technischer Beweis: Sehr hohe Geschwindigkeiten waren nicht nur auf Versuchsanlagen denkbar, sondern auf einer elektrifizierten Hochgeschwindigkeitsstrecke mit einem Zug, dessen Grundkonstruktion aus dem regulären TGV-System stammte.
Der Rekord hielt offiziell bis zum 3. April 2007. An diesem Tag erreichte der französische Versuchszug V150 auf der LGV Est 574,8 Kilometer pro Stunde. Damit blieb die Marke des TGV Atlantique 16 Jahre, 10 Monate und 16 Tage bestehen. In Testfahrten war sie bereits im Februar 2007 übertroffen worden; offiziell abgelöst wurde sie aber erst mit der V150-Rekordfahrt.
Der TGV Atlantique blieb danach kein Museumsstück der Technikgeschichte. Seine Baureihe prägte über Jahrzehnte den schnellen Verkehr zwischen Paris, Westfrankreich und dem Südwesten. Später wurden viele Garnituren modernisiert oder ausgemustert, jüngere TGV-Generationen übernahmen die wichtigsten Verbindungen. Die Rekordfahrt von 1990 blieb dennoch ein Schlüsselereignis: Sie markierte den Moment, in dem der klassische Rad-Schiene-Zug erstmals dauerhaft in eine Geschwindigkeitsklasse vordrang, die zuvor eher nach Zukunftslabor klang als nach Eisenbahn.
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