Am 16. Juli 2001 starb Beate Uhse im Alter von 81 Jahren in einem Krankenhaus im schweizerischen St. Gallen. 24 Jahre später ist ihr Name noch immer untrennbar mit der sexuellen Aufklärung und einem der großen gesellschaftlichen Tabubrüche der Nachkriegszeit verbunden. Ihr Lebensweg führte von dem Kunstflieger im Dritten Reich zum Unternehmer, deren Name zum Synonym für Erotikshops wurde: Eine außergewöhnliche Biografie in einer von Männern dominierten Zeit.
Geboren wurde Beate Dorothea Köstlin am 25. Oktober 1919 in Wargenau bei Cranz in Ostpreußen, heute Kaliningrader Gebiet. Sie wuchs in einem liberalen Elternhaus auf. Ihre Mutter war eine der ersten weiblichen Ärzte Deutschlands und sprach offen über Sexualität und Verhütung, ein Umfeld, das Beate Uhse prägte. Früh zeigte sie sportliches Talent, später auch technisches Interesse. Schon als junge Frau erlangte sie eine Motorfluglizenz und wurde in den 1930er-Jahren zum Kunstflieger. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie als Test- und Überführungsflieger der Luftwaffe; ein ungewöhnlicher Beruf für eine Frau jener Zeit.
Nach Kriegsende war das Fliegen verboten. Uhse schlug sich zunächst mit Tauschhandel und Schwarzmarktgeschäften durch. Doch bald erkannte sie, dass es vor allem unter Frauen einen enormen Informationsbedarf über Verhütung und Sexualität gab. Ihr erstes Produkt war eine kleine Broschüre mit dem Titel „Schrift X“, in der sie die sogenannte Knaus-Ogino-Methode erklärte, ein System der natürlichen Familienplanung. Die Nachfrage war riesig: Schon 1947 gingen Tausende Bestellungen ein. Der Grundstein für das erste Versandhaus für „Ehehygiene“ war gelegt.
1951 gründete Beate Uhse ihr Unternehmen in Flensburg; zu einer Zeit, in der das Wort „Sex“ noch nicht öffentlich ausgesprochen werden durfte und Verhütungsmittel unter das Sittengesetz fielen. Der Versandkatalog, der Literatur zur Aufklärung, Kondome und Hilfsmittel für Paare anbot, wurde schnell zu einem wirtschaftlichen Erfolg. Doch er rief auch die Sittenwächter auf den Plan: Über 2.000 Anzeigen wurden gegen das Unternehmen eingereicht, viele Prozesse mussten geführt werden. Uhse blieb standhaft und nutzte jede Gelegenheit, um über Aufklärung zu sprechen; stets mit dem Hinweis, dass sie sich für „verantwortungsvolle Sexualität in der Ehe“ einsetze.
1962 eröffnete sie den weltweit ersten Erotikladen in Flensburg. Ein kleiner Laden, nüchtern eingerichtet, mit dem schlichten Hinweis „Fachgeschäft für Ehehygiene“, aber mit großer Wirkung. Es war der Beginn einer Entwicklung, die in den folgenden Jahrzehnten zur Normalisierung von Erotikshops und zu einer freieren gesellschaftlichen Haltung gegenüber Sexualität führte.
In den 1990er-Jahren wurde Beate Uhse zu einer Ikone der deutschen Nachkriegsgeschichte. 1999 ging ihr Unternehmen an die Börse; ein spektakulärer Schritt, der in Medien und Öffentlichkeit viel beachtet wurde. Der Börsengang wurde inszeniert wie ein Fest: mit Models, roten Kleidern und großer Symbolkraft. Das Erotik-Unternehmen war damit endgültig in der Wirtschaftswelt angekommen. Zwei Jahre später, am 16. Juli 2001, starb Beate Uhse an einer Lungenentzündung.
Heute ist ihr Name nicht nur in der Markenwelt präsent, sondern steht auch sinnbildlich für den Wandel einer Gesellschaft, die sich langsam von den moralischen Zwängen der Nachkriegszeit löste. Ihr Engagement für Aufklärung, Selbstbestimmung und die Enttabuisierung von Sexualität hat Spuren hinterlassen; in der Rechtslage, im Bewusstsein vieler Menschen, aber auch in der Art, wie über Sexualität gesprochen wird.
Beate Uhse war eine Frau, die gegen Widerstände ihren Weg ging. Sie war Unternehmer, Aufklärer, Pilot und Kämpfer für Selbstbestimmung. Ihr Lebenswerk zeigt, dass gesellschaftlicher Wandel manchmal dort beginnt, wo andere lieber schweigen. Am heutigen 16. Juli erinnern wir uns an eine Frau, die mit Mut, Verstand und Beharrlichkeit gesellschaftliche Konventionen hinterfragte, und damit Geschichte schrieb.
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