Am 14. Dezember 1870 wurde Karl Renner in Untertannowitz, einem Dorf in Südmähren, geboren. Er war der Sohn armer Weinbauern und das 18. Kind seiner Familie. Trotz seiner bescheidenen Herkunft schaffte er es, ein Jurastudium an der Universität Wien zu absolvieren und einer der führenden Politiker und Staatsmänner Österreichs zu werden.
Renner war ein überzeugter Sozialdemokrat und Marxist, der sich für die parlamentarische Demokratie und die Rechte der Arbeiterklasse einsetzte. Er war einer der Gründer und Herausgeber der Parteizeitung “Der Kampf” und vertrat die Sozialdemokratische Arbeiterpartei von 1907 bis 1918 im Reichsrat, dem Parlament der österreichisch-ungarischen Monarchie.
Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall der Habsburgermonarchie war Renner maßgeblich an der Gründung der Republik Deutschösterreich beteiligt, die er als erster Staatskanzler von 1918 bis 1920 leitete. Er verhandelte auch den Friedensvertrag von Saint-Germain, der die Grenzen und die Unabhängigkeit des neuen Staates festlegte, aber auch hohe Reparationen und Gebietsverluste mit sich brachte.
Renner blieb bis 1934 ein einflussreicher Politiker und Abgeordneter, der sich für eine Reform der Verfassung und eine Annäherung an Deutschland aussprach. Er war von 1931 bis 1933 Präsident des Nationalrates, dessen Selbstauflösung er mit seinem Rücktritt auslöste. Dies wurde von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß als Vorwand für die Errichtung der autoritären Ständestaatsdiktatur genutzt, die von ihren Gegnern als Austrofaschismus bezeichnet wurde.
1938 befürwortete Renner den “Anschluss” Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich und unterstützte auch die Annexion des Sudetenlandes durch NS-Deutschland. Er begründete dies mit der Notwendigkeit, die deutsche Einheit zu wahren und einen Krieg zu vermeiden. Er wurde jedoch bald von den Nazis als unerwünscht eingestuft und musste sich auf seinen Landsitz in Gloggnitz zurückziehen, wo er bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs blieb.
Als Österreich nach dem Krieg als unabhängiger Staat wiedererrichtet wurde, war Renner erneut einer der Hauptakteure. Er wurde von den sowjetischen Besatzungsbehörden als Staatskanzler der provisorischen Regierung eingesetzt und führte die Verhandlungen mit den Alliierten über die Wiederherstellung der Souveränität und die Anerkennung der Republik Österreich. Er wurde im Dezember 1945 zum ersten Bundespräsidenten der Zweiten Republik gewählt und blieb bis zu seinem Tod im Amt.
Renner gilt als einer der bedeutendsten und umstrittensten Politiker der österreichischen Geschichte. Er wird oft als der “Vater der Republik” bezeichnet, weil er sowohl die Erste als auch die Zweite Republik mitbegründet hat. Er wird aber auch für seine Haltung zum Nationalsozialismus und seinen Antisemitismus kritisiert. Renner war ein fruchtbarer Publizist, dessen Spezialgebiet die Rechtssoziologie war. Er hinterließ ein umfangreiches Werk, das bis heute von Interesse ist.
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